Kinofilm

Elementarteilchen - Kritik

Einen Bestseller von Michel Houellebecq zu verfilmen, sollte eine sichere Sache sein. Oscar Roehler scheint dafür der richtige Mann zu sein, denn er bringt den vierten Beziehungsfilm in Folge ins Kino. Auf den Plakaten lockt in großen Lettern viel deutsche Schauspielprominenz. Was kann da noch schief gehen?

Die Halbbrüder Michael (farbloser Pummel: Christian Ulmen) und Bruno (in der Rolle unterfordert: Moritz Bleibtreu) sind auf den ersten Blick unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während Michael ganz in seinen Forschungen aufgeht und trotz seines Alters von Ende dreißig noch nie Sex mit einer Frau hatte, ist Bruno verheiratet und am Leben gescheitert. Gerne hackt er rassistische Hetzparolen in seine Schreibmaschine, für die er keinen Verleger findet. Selbst wenn sie ihm hinter vorgehaltener Hand zustimmen. Sexuell läuft es zwischen ihm und seiner Frau nicht mehr, woran, nach seiner Meinung, allein die Frau die Schuld trägt. Als der Lehrkörper versucht seine Schülerin zu verführen, lässt die ihn abblitzen und Brunos Nerven versagen. In der Psychiatrie lässt er sich mit Psychopharmaka voll pumpen und schüttet dann Dr. Schäfer (kühl: Corinna Harfouch) sein Herz aus.
Derweil versucht Michael, neuen Schwung in sein Leben zu bringen. Er schert aus der beruflichen Laufbahn aus und plant nach Irland zurückzugehen, wo er bereits erfolgreich forschte. Doch noch vor der Abreise trifft er seine Jugendliebe Annabell (Mauerblümchen: Franka Potente) wieder. Die hat scheint's die ganzen Jahre auf ihn gewartet und beendet flugs sein Dasein als Jungfrau. Trotz Funkenflugs reist Michael ab. In der Zwischenzeit erleidet Bruno in einem Nudistencamp für befreite Menschen, weitere Schiffbrüche, bis er endlich Christiane (verschärft: Martina Gedeck) kennen lernt. Die ist mehr auf der Suche nach einem Bettgespielen, als einem Mann, aber das kommt dem brunftigen Michael gerade recht. Selbst an die Abende im Swingerclub kann er sich auf Dauer gewöhnen. Doch eines Nachts bricht Christiane beim lustvollen Partnertausch zusammen. Die Diagnose ist niederschmetternd: Beide Beine der lebenshungrigen Frau sind gelähmt. Aussicht auf Heilung besteht nicht. Michael zieht im wahrsten Sinne des Wortes den Schwanz ein und flüchtet sich erst einmal in den Alkohol.
Als er endlich zu Christiane stehen will, hat die sich, wenige Minuten zuvor, vom Balkon zu Tode gestürzt. Nur etwas besser ergeht es der Beziehung seines Halbbruders. Annabell wurde nach einer Abtreibung die Gebärmutter entfernt. Doch Michael hält zu seiner Frau und das Unglück schweißt sie enger zusammen. Zu Bruno dringen sie dennoch nicht mehr durch. Er hat Christianes Tod nicht verkraftet und lebt nun in seiner "eigenen" Welt.

Filmkritik

Das gleichnamige Buch von Michel Houellebecq zu verfilmen war kein offenbar kein einfaches Unterfangen. Regisseur Oscar Roehler sagte über sein Projekt: "Uns kam schnell die Einsicht, dass man den Roman mit all seinen bitteren Konsequenzen nicht 1:1 umsetzen konnte. Wir mussten uns also überlegen, was mit den Personen passiert, ohne dass wir dem Ganzen eine zu negative Tendenz geben. Wenn man einen Film macht, sollte man sowieso immer auch eine Liebe zum Leben darstellen."
Dem Anspruch genügt das Ergebnis jedoch nicht. Denn wenngleich die Handlung genügend Konfliktstoff für ein packendes Drama bietet, reduzierte Herr Roehler (Drehbuch und Regie) den Stoff auf die Libido, anstatt die Verhältnisse und Beziehungen der Personen untereinander zu untersuchen. Hinzu kommt, dass er seinen Sextalk mit Beilage ungelenk und unausgegoren präsentiert. Der Humor etwa ist in der ersten Hälfte nur unfreiwillig komisch; in der Schlussrunde fällt er gänzlich unter den Tisch. Anstelle von Vertiefung, serviert er Klischees. Zwei Jungen werden von ihrer Hippie-Mutter zu den Großmüttern abgeschoben, also von der leiblichen Mutter zu wenig geliebt. Fortan ist ihre Sexualität gestört. Der eine träumt von asexueller Fortpflanzung, der andere rubbelt sich die Finger wund, weil er zwar mit Frauen will, aber nicht mit ihnen klarkommt, an Impotenz leidet oder einfach nicht zum Zug kommt. Eine tiefergehende Erklärung gibt es nicht. Zum Beispiel bleibt unklar, weshalb die Männer nicht an ihren Problemen arbeiten.

Die sprunghafte Erzählung konzentriert sich auf eine Abrechnung mit den Idealen der Siebziger (Hippies, freie Liebe, Emanzen, Nudismus). Wobei die Beweggründe dafür schleierhaft bleiben. (Die Argumente, dass Kinder nicht so werden wollen, wie ihre Eltern, oder zu wenig Mutterliebe bekamen, lässt der Kritiker nicht gelten, weil zu einfach.) Auf den ersten Blick recht offen inszeniert, erscheint die Story auf den zweiten Blick verkrampft. Wer beispielsweise auf erotische Momente hofft, wird trotz vieler Nacktheit enttäuscht. Für den Zuschauer bietet sich insgesamt nur ein geringer Unterhaltungswert - zumal völlig unklar bleibt, worin die eigentliche Aussage der Erzählung besteht. Leider ebenfalls enttäuschend ist die Tatsache, dass zwar prominente Darsteller gewonnen werden konnten, der Regisseur jedoch nicht in der Lage war, ihr Potenzial auszuschöpfen. Die Auftritte von Uwe Ochsenknecht und Herbert Knaup sind zudem derartig kurz, dass es schon dreist erscheint, sie auf dem Kinoplakat ebenso groß abzudrucken wie die Namen der Hauptdarsteller.

Fazit
Regisseur Oscar Roehler blieb seinem Lieblingsthema "Sexualität und Beziehung" treu. Der eigene Anspruch war vorhanden, wurde aber nicht erreicht.
Filmkritik: Thomas Maiwald

Credits

Original Film-Titel: "

Land: Deutschland 2005

Laufzeit ca.: 113 Minuten

Kinostart / Filmstart: 23.02.2006

DVD-Start: 05.10.2006

Regie: Oskar Roehler

Drehbuch: Oskar Roehler

Schauspieler (Besetzung): Moritz Bleibtreu (Bruno), Christian Ulmen (Michael), Franka Potente (Annabelle), Uwe Ochsenknecht (Brunos Vater), Corinna Harfouch (Dr. Schäfer), Michael Gwisdek (Prof. Fleißer), Herbert Knaup (Sollers), Tom Schilling (junger Michael), Martina Gedeck (Christiane), Nina Hoss (Jane), Jasmin Tabatabai (Yogini), Thomas Drechsel (junger Bruno), Nina Kronjäger (Katja)

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