Kinofilm

Paradise Now - Kritik

Was mag in dem Kopf eines Menschen vorgehen, der sich entschließt, ein Selbstmordattentat zu verüben? Regisseur Hany Abu-Assad führte Gespräche mit gescheiterten Attentätern und Hinterbliebenen. In seinem Kinofilm, in dem zwei junge Palästinenser "erwählt" werden, will er auf die Frage nach den Beweggründen jedoch keine fassbare Antwort zu geben. Vielmehr vermittelt er, dass es unmöglich scheint, dem komplizierten Stoff filmisch gerecht zu werden und beschränkt sich darauf, zur Diskussion anregen zu wollen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Die größte Stärke von "Paradise Now" ist gleichzeitig auch seine größte Schwäche. Der Kinofilm will zur Diskussion anregen, ohne Martyrer zu stilisieren, für eine von zwei Parteien Partei zu ergreifen oder Nachahmern anzustiften. Das ist gelungen - mit der Einschränkung, dass man aus dem Kino kommt und genauso schlau ist wie zuvor. Anders gesagt, es gibt nur wenige Anlässe "Paradise Now" zu sehen. Als Unterrichtsmaterial in der Schule. Oder auf Festivals, zu denen Menschen gehen, mit der festen Absicht, etwas zu sehen, dass Diskussionsstoff bietet. Mehr kann und will der Kinofilm nicht bieten. Dazu setzt er sich sogar bewusst zwischen die Stühle. Der Regisseur selbst sieht sein Werk als eine Mischung aus psychologischer Studie, Drama und Politfilm.
Es beginnt mit der Aufnahme einer jungen Frau, die in die Landschaft geworfen wirkt. Mutterseelenallein steht sie vor einem Grenzposten. Erst später erfahren Sie, dass sie die Tochter eines Märtyrers ist, die im Ausland aufwuchs und nun in ihre Heimat zurückkehrt. Sie verkörpert als überzeugte Pazifistin hauptsächlich die praktische Vernunft. Als Figur leitet sie zu den Freunden Khaled und Said über. Sie werden als ganz normale Personen eingeführt. Nichts scheint an ihnen ungewöhnlich. Am Abend werden beide unterrichtet, auserwählt worden zu sein. Sie sollen am kommenden Tag in Israel ein Selbstmordattentat verüben. Es bleibt ihnen eine letzte Nacht mit der Familie, die sie nicht allein verbringen dürfen - beide begleitet ein Aufpasser. Am nächsten Morgen drehen sie ein Abschiedsvideo, werden herausgeputzt und instruiert.
Doch der erste Anlauf schlägt fehl. Khaled kann sich zurückretten zu seinen Verbündeten, während Said mit der Bombe am Körper durch die Gegend irrt. Es folgt vonseiten der Organisation, die in der Angst lebt, es sei ein Verräter unter ihnen, die Suche nach Said, während der durch die Gegend streunt. Nach längerem Hin und Her finden die Freunde einander. Es folgt eine Art Verhör vonseiten der Organisation. Dann brechen sie am kommenden Morgen erneut auf. Doch dieses Mal hat Khaled die Nase voll. Er entscheidet sich für das Leben und kann Said scheinbar davon überzeugen, ebenfalls umzukehren. Doch der täuscht den Rückzug nur vor und geht bis zum Äußersten.

Filmkritik

Weil der Kinofilm "Paradise Now" sich klar dafür entschied, nur zur Diskussion anregen zu wollen, fällt das Ergebnis unbefriedigend aus. Die auftretenden Figuren bleiben absichtlich weitgehend gesichtslos. Sie dreschen politische Phrasen, ohne eine fassbare politische Aussage zu treffen. Standpunkte bleiben angerissen. Das stellt sicher, dass niemand den Kinofilm als Rechtfertigung missbrauchen kann oder sich angespornt fühlt, ihn nachzuahmen. Aber gleichzeitig bleibt es bei Sprechblasen. Der Selbstmord-Attentäter etwa hinterlässt fassungslose Menschen, deren Trauer nicht thematisiert wird, denn auch das wäre wieder eine Stellungnahme pro Attentäter.
Als Erzählung betrachtet, trüben die vielen Genre-Wechsel den Eindruck. Eben noch Kunstfilm ist es in der nächsten Szene ein Psychodrama oder gar ein Politthriller mit Verfolgungsjagden. Das sorgt ebenso für abrupte Wendungen, wie die teils seltsamen Schnitte. Im Extremfall bricht während einer kurzen Autofahrt plötzlich völlige Dunkelheit herein. Weiterhin abträglich ist die grauenvoll emotionslose Synchron-Soße, die die deutsche Fassung darüber goss.
Filmkritik: Thomas Maiwald

Credits

Original Film-Titel: "

Land: Frankreich, Deutschland, Niederlande 2005

Laufzeit ca.: 90 Minuten

Kino-Start: 29.09.2005

Regie: Hany Abu-Assad

Drehbuch: Hany Abu-Assad, Bero Beyer

Schauspieler (Besetzung): Kais Nashef (Said), Ali Suliman (Khaled), Lubna Azabel (Suha), Amer Hlehel (Jamal), Hiam Abbass (Saids Mutter), Ashraf Barhoum (Abu-Karem)

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