Kinofilm

Paula

Nanu: Hinter dem modernen Titel steckt eine konservative Biografie.
Der lebendige Geschichtsunterricht erzählt aus dem Leben der Malerin Paula Modersohn-Becker.

Es beginnt mit einer Szene, in der sich Paula Becker (Carla Juri) gegen ihren Vater durchsetzt. Der ist der Meinung, es sei für eine Frau unmöglich als Malerin zu arbeiten. Sie könne heiraten, um versorgt zu sein oder arbeiten gehen.

Bald darauf nimmt Paula Unterricht im Künstlerdorf Worpswede. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann Otto Modersohn kennen, der ebenfalls malt. Im Gegensatz zu ihr hält Otto an der klassischen Ausdrucksweise fest, während Paula und weitere Frauen mit ihren Werken anecken. So wird es deutlich, dass es hier nicht nur um Technik und Handwerk geht, sondern auch um Tradition und Moderne sowie den Kampf der Geschlechter. Die von Männern dominierte Kunstszene akzeptiert Frauen nur schwer oder gar nicht.

Das wird auch beim Ehepaar Modersohn noch eine Weile so bleiben. Otto ernährt die Familie, während Paula zwar malt aber nichts verkauft. Eines Tages verlässt sie ihre Familie überraschend und geht nach Paris. Dort trifft sie ihre Freundin Clara (Roxane Duran) wieder, die versucht von Auguste Rodin zu lernen. Und sie begegnet erneut dem jungen Rainer Maria Rilke (Joel Basman). Der ist von der Kunstszene in Paris angetan und er lobt Paulas Werke. Doch die ist nach wie vor nicht überzeugt von ihrem eigenen Talent.

Kritik

Der Kinofilm "Paula" zeigt wichtige Stationen des Lebens der Künstlerin auf. Dabei geht es dem Film nicht darum, die Person Paula Modersohn Becker zu interpretieren, sondern um das Transportieren von Fakten. Die Darsteller spielen deshalb nicht eine Innenschau, sondern stellen Szenen nach. Das Ergebnis ist ein gespielter Biografie-Film. Diese Art der Inszenierung ist aus Fernseh-Dokumentationen bekannt: Ein Erzähler führt durch das Thema und Spielszenen lassen seine Schilderung zum Leben erwachen. Einen Erzähler bietet "Paula" nicht und weder ein Kommentator noch die Darsteller berichten vom Seelenleben. Es ist ein mehr als zwei Stunden langer Kinofilm, der dem Zuschauer mehr bieten muss, als eine Fernsehsendung. Darum ist die Art der Inszenierung unglücklich gewählt, denn sie trägt den Film nur bedingt.
Es fehlt den Personen an Tiefgang und es werden Themen angeschnitten und nicht ausgebaut. Etwa der schwierige Stand, den Künstlerinnen in der Gesellschaft haben. So wird Otto Modersohn vorgeschlagen, er solle seine widerspenstige Frau einfach für verrückt erklären lassen. Für den Zuschauer ist es interessant zu erfahren, wie Modersohn damit umgeht und weshalb er welche Entscheidung trifft. Die Handlung geht der Frage nicht nach. Aufgezeigt und nicht ausgebaut bleibt auch die Frage der Auseinandersetzung zwischen Tradition und Moderne. Während Otto der Tradition verpflichtet ist, vertritt Paula die Moderne. Bei dieser Konstellation sind spannende Szenen einer Ehe vorstellbar. Doch geboten werden sie nicht.

Für den Umstand, dass der Film mehr lebendige Geschichtsstunde als Spielfilm ist, fehlt es an Fakten. So werden nicht alle Personen im Klartext vorgestellt. Ich muss mir selbst zusammenreimen, dass Camille, die eine Statue zum Schleuderpreis verkaufen will und sich über ihren Mentor beklagt, Camille Claudel ist, von der es heißt, August Robin habe ihre Ideen und Entwürfe gestohlen. Andere Szenen erschließen sich mir gar nicht. Etwa der Selbstmord der dicken Frau. Wenn ich der Wikipedia vertraue, dann enthält die Handlung einen Fehler. Dann entstand das Selbstporträt mit Kamelienzweig in Worpswede und nicht in Paris.

Außerdem erwarte ich in einem Film über eine Künstlerin, dass deren Kunst zu sehen ist. Die Kamera also mal einen Blick auf das unfertige Bild bietet oder das fertige Gemälde an der Wand hängt. Doch lange Zeit werden die Bilder der Malerin nicht gezeigt. Erst spät sind sie in Paris zu sehen. Dann fängt die Kamera die Werke derart geballt ein, dass es den Eindruck vermittelt, dieser Punkt des Aufgabenzettelns sei damit auch abgehakt.

Ein weiteres eigenwilliges Stilmittel sind die Dialoge. Da sprechen einige Künstler auch im Alltag kunstvoll. Den Darstellern gelingt die Verkörperung ihrer Schablonen unterschiedlich gut. Carla Juri ist bemüht Paula als emanzipierte und dauerhaft gut gelaunte Frau zu verkörpern. Allerdings nutzt das Dauerlächeln ab. Und es ist nicht die Frage, ob Rilke wie ein Kaspar auftrat? Sondern die Frage, ob man in einem Film ein derart komisches Bild vermitteln möchte, indem man eine Person der Geschichte albern auftreten lässt?

Nicht begeistert bin ich von der Kameraführung. Im Kino möchte ich große Bilder sehen. Denen von "Paula" fehlt die inhaltliche Größe. Und auch das, was die Kamera einfängt, ist konventionell. Da hastet die spätere Künstlerin mit Sack und Pack durch eine grüne Landschaft. Später läuft sie (gefühlt minutenlang) durch Eis und Schnee. Während der "Tanz am Glockenseil" wahrscheinlich romantisch sein soll - aber an Fernsehwerbung erinnert.

Fazit
Der Titel klingt modern aber inhaltlich ist der Film konservativ und zu nahe am Fernsehfilm um zu überzeugen.

Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 50 %

Credits

Weiterer Filmtitel: Paula - Mein Leben soll ein Fest sein
Land: Deutschland • Frankreich
Jahr: 2016
Laufzeit ca.: 123

Kinostart: 15.12.2016

Regie: Christian Schwochow
Drehbuch: Stefan Kolditz • Stephan Suschke

Schauspieler: Carla Juri (Paula Modersohn-Becker) • Albrecht Abraham Schuch (Otto Modersohn) • Roxane Duran (Clara Rilke-Westhoff) • Joel Basman (Rainer Maria Rilke) • Nicki von Tempelhoff (Fritz Mackensen) • Jonas Friedrich Leonhardi (Heinrich Vogeler) • Dominik Weber (Fritz Overbeck) • Marco Massafra (Hans am Ende) • Stanley Weber (George) • Michael Abendroth (Carl Woldemar Becker) • Bella Bading (Elsbeth) • Laura Bartels • Guido Beilmann • Vera Lara Beilmann • Peter Brachschoss

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