Der erste Eindruck ist charmant: "Tanguy" ein wohlerzogener junger Mann, der weiß wo seine Vorteile liegen und stets die passende chinesische Weisheit auf den Lippen hat. Auf den zweiten Blick ist er ein Opportunist, der stets seinen eigenen Vorteil geschickt ausnutzt und Verantwortung an sich abprallen lässt durch das Absondern von Sprichwörtern.
Zu deutsch: Er ist ein echter Kotzbrocken. 28 Jahre ist er alt und wohnt immer noch zuhause - wie im Hotel. Er ist es gewohnt den Service zu nutzen den seine Mutter ihm bietet. Stets lässt er alles hinter sich stehen und liegen. Seine nächtlichen Eskapaden machen den Eltern nichts aus - ist sich "Tanguy" sicher, doch da irrt er gewaltig - wie auch in vielem anderen.
Seine Mutter hat nachts Träume in denen sie das Baby mit dem Kopf auf den Treppenstufen aufschlägt und ihn dann den Wölfen zum Fraß vorwirft. Die gesteht sie im Film freilich nur ihrem Therapeuten ein - und der hält das alles für ganz normal. Als der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt, beschließen die Eltern den Nesthocker zu vergraulen. Das beginnt relativ harmlos. Zunächst verschwindet das Lieblingshemd im Mülleimer, dann wird seine Wäsche zu heiß gewaschen, seine Mutter lässt einen Computer-Virus auf Tanguys PC einspielen; sie beginnt wieder mit der Bildhauerei und arbeitet mit einer Flex (Trennschleifer) während der an seiner Doktorarbeit schreibt. Doch der Junior ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Immer das passende chinesische Sprichwort auf den Lippen, genießt er weiterhin in aller Seelenruhe den verbleibenden Rest an Komfort im "Hotel Mama".
Da sich der Sohnemann als hartnäckig erweist, tun es ihm die Eltern gleich. Ihre Versuche Freundes- und Bekanntenkreis zu vergraulen gelingt nur teilweise. Eine der Affären lässt sich zwar vertreiben als der Vater sie zum lesbischen Liebesspiel mit seiner Frau einlädt, doch der Sohn ist nicht ins Boxhorn zu jagen, nicht einmal als seine Mutter der Freundin von seinen Affären erzählt und die Beziehung in die Brüche geht. Ab sofort wächst sich der Rosenkrieg zum Krieg aus. Beim Tennisspiel schlägt der Vater seinem Sohn einen Ball in den Nacken und macht ihn um haaresbreite zum Krüppel, er wird nachts von seinem Vater geweckt, weil der angeblich nicht schlafen kann und seine Mutter schlägt das Rücklicht am Auto kaputt, damit der Sohn dafür büßen muss. Das Ganze eskaliert, als die Eltern ihrem Nesthocker eine Wohnung mieten und ihn endlich aus dem Nest werfen. Doch der Junior kehrt fast schneller zurück als er die Wohnung verließ.
Er beginnt die Eltern im Kinofilm nun mit den eigenen Waffen zu schlagen und erwirkt vor Gericht ein Bleiberecht, weil er sich noch in der Ausbildung befindet. Dass sein Einkommen durch Lehrtätigkeiten mehr als 25.000 Franc beträgt zählt vor Gericht nicht. Erst die Demütigungen, dass seine Eltern ihn wie ein kleines Kind behandeln, er schläft ab sofort im Kinderbett mit Mobile und Kindertapete, bekommt kindgerechtes Essen serviert, veranlassen den Stammhalter dazu flügge zu werden. Aber der verlässt das Nest nur um sich gleich darauf ins nächste gemachte Nest zu setzen.
Filmkritik
Das idyllische Familienleben gerät aus den Fugen und die Eltern wagen das zu tun was andere Eltern vielleicht ebenfalls gerne täten - wenngleich der Film die Situation geschickt überspitzt. Der Film ist gut inszeniert und die Schauspieler verleihen den Personen Glaubwürdigkeit. Wenn Sabine Azema als Mutter beim Anblick ihres Sohnes stets sauer aufstößt, dann spielt sie das vollkommen lebensecht. Andre Dussollier als Vater (Typ Manager) verlässt sich auf seine Autorität. Eine Reaktion die wohl die meisten Männer an den Tag legten. Seine militärische Strenge lässt den dreisten Sohn einfach kalt - selbst wenn der Vater ihn als Schamhaar beschimpft. Auch seine Schauspielkunst wirkt wie aus dem Leben gegriffen. Eric Berger als "Tanguy" verkörpert seine Rolle derartig gut, dass man ihm selbst als Zuschauer den Hals umdrehen möchte. Gewürzt wird die Handlung mit den Kommentaren von der Großmutter (Helen Duc) der als Einziger schon lange klar ist, dass der Herr Sohn so bald das Nest nicht verlassen wird. Die regelmäßigen Treffen mit ihrem Sohn nimmt sie dann gerne für ausgiebige Sticheleien zum Anlass.
Die bitterböse Film-Komödie legt ein gutes Tempo an den Tag. Dennoch hätte eine kürzere Fassung gut getan, denn stellenweise hat der Film Längen. Die guten Schauspieler verleihen dem Ganzen eine große Glaubwürdigkeit und der Zuschauer bekommt das Gefühl selbst in intimsten Momenten als unsichtbarer Dritter mit im Raum zu sein.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Credits
Original Film-Titel: "
Frankreich 2001
Laufzeit ca. 108 Min.
Kinostart / Filmstart: 30.05.2002
Regie: Etienne Chatiliez
Drehbuch: Étienne Chatiliez, Laurent Chouchan
Schauspieler (Besetzung): Sabine Azema (Edith Guetz), Andre Dussollier (Paul Guetz), Eric Berger (Tanguy Guetz), Helene Duc (die Großmutter), Aurore Clement (Carole)