Kinofilm

Mulholland Drive

Straße der Finsternis

In stockdunkler Nacht fährt ein Wagen die Hollywood Hills hinauf, auf dem Rücksitz eine schöne Frau. Plötzlich hält der Fahrer an, dreht sich um und zwingt die Frau mit vorgehaltener Waffe auszusteigen. Nur durch einen Zufall wird sie nicht erschossen, sondern in einen Unfall verwickelt. Die naive Blondine Betty kommt nach Hollywood, um nichts geringeres zu werden als ein gefeierter Kino-Star.

Voller Enthusiasmus und noch wie benebelt von der Atmosphäre der Filmstadt kommt sie im Appartement ihrer Tante an, wo sie auf eben jene schöne Unbekannte trifft (umwerfend: Laura Elene Harring), die sich Rita nennt und sich an nichts mehr erinnern kann außer daran, dass sie auf dem "Mulholland Drive - der Straße der Finsternis" unterwegs war, als ein Unfall passiert sein muss.
Die beiden Frauen kommen sich näher, verlieben sich, werden ein Paar. Zusammen wollen sie die Ereignisse rekonstruieren und herausfinden, wer Rita wirklich ist. Dabei kommen sie mit dem gesamten Lynchschen Figurenmobiliar in Verbindung. Lynch spielt viel und gern mit Versatzstücken aus der Filmgeschichte: Die schöne Unbekannte nennt sich Rita, nach einem Filmposter von Rita Hayworth, das sie zufällig an der Wand hängen sieht.

Kritik: Die Figuren im Kino-Film "Mulholland Drive - Straße der Finsternis" sind Klischees, Archetypen: Die ebenso naive wie patente Blondine, die in ihrer amerikanischen Spießigkeit schon gnadenlos gut gezeichnet ist (bis hin zum himmelschreienden paillettenbesetzten roten Jäckchen); die dunkle Femme fatale, die in ihrer Mischung aus Verletzlichkeit und Perfidie eher in einem film noir vermutet werden könnte; die mysteriöse alte Frau, die zu ahnen scheint, dass jemand in Schwierigkeiten ist; die dunklen Mafioso-Männer der Filmindustrie, die den Regisseur unter Druck setzen; der Zwerg im Rollstuhl, der in seinem dunklen Zimmer die Fäden zu ziehen scheint; der Gangster, der in seiner Tölpelhaftigkeit an die Helden Quentin Tarantinos erinnert; der Cowboy auf der Koppel unter dem Kuhschädel (Howdy!"), der den guten alten Western zitiert und der, wenn er zum Schluss im Hintergrund durchs Bild läuft, an Alfred Hitchcock denken lässt.
Was ist Traum, was ist Wirklichkeit? Betty schwärmt von Hollywood als ihrem "dream place" - Doppeldeutigkeit, wohin man schaut. Ist der Raum, in dem wir uns hier befinden, wirklich einem Traum entsprungen? Die Metaphern zur Illusion des Films sind ubiquitär, und sie machen einen nicht unbeträchtlichen Reiz von "Mulholland Drive - Straße der Finsternis" aus. Am offensichtlichsten ist dies in der Szene im Theater "Silencio". No hay banda, es gibt keine Band, und doch hören wir eine Band. Doch es ist alles nur eine Aufzeichnung, alles eine Illusion", wird das Publikum vom Impressario belehrt. Eine Sängerin beginnt ihr Lied: "Estoy llorando", ich weine um deine Liebe. Rita und Betty sind in Tränen aufgelöst. Aber ist das die Realität? Oder weinen sie nur, weil jemand sagt: Ich weine?
Als Betty bei einer Filmproduktion vorspricht und eine Liebesszene mit einem alten Lustmolch drehen soll, der sie vor allem betatschen will, spielt sie das Spiel so perfekt mit, dass der Mann sich völlig vergisst und erst bei der letzten Zeile merkt, dass alles nur Spiel und nicht Wirklichkeit ist. Wir werden an diese Szene später erinnert, wenn Betty Rita gesteht, dass sie in sie verliebt ist. Es sind fast dieselben Umarmungen, dieselben Küsse wie beim Vorsprechen: Ist es diesmal echt? Oder auch nur gespielt? - Als Betty Rita zu überreden versucht, bei der Polizei anzurufen, ob es einen Unfall gegeben hat, sagt sie: Komm schon, das wird Spaß machen, das ist wie im Kino-Film, "it's like in the movies". Und wenn sie Rita mit der blonden Perücke vor den Spiegel zieht ist sie fasziniert: "You look like someone else."
Es sind diese Verweise, die den Witz ausmachen. Hinzu kommt der Humor von David Lynch. Im Bett fragt Betty Rita, ob sie es schon einmal mit einer Frau gemacht habe. Die kann natürlich nur wahrheitsgemäß antworten: "Ich weiß es nicht." Und als sie die Nummer einer gewissen Diane Selwyn anrufen, weil Rita denkt, das sei vielleicht ihr wirklicher Name, sagt Betty: "Komisch, sich selbst anzurufen", worauf Rita nur lakonisch antwortet: "Vielleicht bin ich es nicht." Es ist dieser Sprachwitz, der auch zum Tragen kommt, wenn gerade der Satz, den man in den zweieinhalb Stunden am häufigsten hört - "This is the girl" - der Satz ist, dem man am wenigsten Glauben schenken kann. Denn wer ist wirklich wer? Frauen scheinen ihre Namensschilder, ihre Frisuren und Haarfarben und eben vor allem ihre Identitäten zu tauschen. Aber vielleicht ist auch das eben nur scheinbar?
Witz und Entsetzen, das weiß David Lynch, sind im Leben wie auch im Film nicht weit voneinander entfernt. Und so sträubt sich einem auch ein ums andere Mal das ein oder andere Nackenhaar. Es ist dabei wie so oft nicht so sehr die Ansicht des Todes selbst als der Schrecken der Figuren darüber, der beunruhigt. Einen großen Anteil am Grusel hat einmal mehr der Original Score von Angelo Badalamenti, der düsteren Sound mit unterhaltsamen 60s-Titeln mischt. Wer ist nun also der Regisseur hinter diesem Film im Film? Adam Kesher, der Jungregisseur, dem die Besetzung seiner Hauptrolle aufgezwungen wird, verliert jedenfalls schon bald die Kontrolle über sein Leben und kann nur noch zurückschauen aus seinem Regiestuhl auf eine Liebe, die nicht stattfinden wird. Ist es der Mann im Rollstuhl? Oder doch der Cowboy? Man fühlt sich wie gefangen in einem Möbiusschen Band, es ist kein Ursprung erkennbar, auf den man alles zurückführen könnte. Jeder Interpretationsversuch läuft irgendwann ins Leere, weil ein Detail nicht hineinpasst - es sei denn man bemüht das Totschlagargument, dass alles nur ein Hirngespinst ist.
Aber was gibt es an einem Traum schon zu interpretieren? Da passt auch nicht immer alles zusammen, und trotzdem stimmt es. So auch bei diesem außerordentlichen Werk, das einen für Tage nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Anmerkung: Ich habe ihn mittlerweile zwei Mal gesehen und sicherlich nicht das letzte Mal. Beim ersten Schauen schnarchte jemand lauthals hinter mir, beim zweiten wurde viel gelacht. Das zweite Mal hat mehr Spaß gemacht, aus offensichtlichen Gründen. Wenn Sie es sich also aussuchen können, gehen Sie an einem Tag ins Kino, an dem die Leute ausgeschlafen sind und an dem sie Humor haben.
Tina Manske

Credits

Original Film-Titel: "

USA / Frankreich, 2001

Laufzeit ca. 152 Min.

Kinostart / Filmstart: 03.01.2002

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

Schauspieler (Besetzung): Justin Theroux (Adam Kesher), Naomi Watts (Betty Elms), Laura Herring (Rita), Ann Miller (Coco Lenoix)

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