Kinofilm

Die Zwillinge

De Tweeling

Den Roman, dessen Taschenbuchausgabe 477 Seiten umfasst, auf Kinoformat zu komprimieren ist eine Kunst, die dem Team weitgehend gelang. Der Einstieg findet in der Jetztzeit statt, danach erzählen Rückblenden im Film die Schicksale der Zwillingsschwestern: Nach dem Tod der Eltern sollen Anna und Lotte bei Verwandten unterkommen. Die deutschen Bauern sehen in den Mädchen billige Arbeitskräfte, überlassen Lotte aber holländischen Verwandten, weil das Mädchen an Tuberkulose erkrankt ist. Während Lotte dort gesundet und in einer gebildeten Familie groß wird, wächst Anna auf dem Bauernhof ohne Ausbildung auf, denn man verbietet ihr zur Schule zu gehen.

Mit den unterschiedlichen Lebensweisen erwächst im Film eine tiefe Kluft zwischen den Schwestern, die immer unüberbrückbarer scheint. Kurze Besuche lassen Annäherungen scheitern und höhlen die Kluft weiter aus. Anna (Nadja Uhl) heiratet den Nationalsozialisten Bernd, Lotte (Thekla Reuten) verliebt sich in den jüdischen Musiker David. Beide Männer kommen im Krieg um. Lotte empfindet nach dem Zweiten Weltkrieg einen derartig tiefen Hass auf alles Deutsche, dass sie sogar ihre eigene Schwester aus dem Haus wirft. Erst kurz vor Annas Tod kommt es zur Versöhnung.

Kritik: "Die Zwillinge" bietet formal gesehen viel Kino fürs Geld. Doch im Detail hapert es. Zwei derartig unterschiedliche Schicksale in einen Film zu packen ist keine leichte Aufgabe. Die Rahmenbedingungen sind gut gelöst. Drei große Abschnitte erzählen aus den Leben der Frauen. Dabei bekam jedes der drei Kapitel eine andere Farbgebung. Anfangs erleben die Frauen noch Paralleles, obwohl sie getrennt sind, mit dem Alter verliert die Verbindung an Intensität. Schön gelungen ist auch die Verknüpfung von aktueller Erzählung und Rückblenden. Die Rollen der Frauen sind in allen drei Lebens-Abschnitten gut besetzt; was auch für die Nebenrollen gilt. Die Schauspieler arbeiten gut, was angesichts des Drehbuchs nicht immer ganz einfach war, denn viele Klischees verwässern den Film. So heißt Lottes jüdischer Freund nicht nur David, sondern ist ausgesprochen musikalisch ("Rosenstraße" lässt grüßen). Natürlich wird er - und nicht jemand aus dem Bekanntenkreis - ins KZ verschleppt. Bei ihrem Besuch in Deutschland sind alle Nazis blond, stiernackig und unkultiviert. Später verstößt sie ihre Schwester, weil sie mit einem Nazi verheiratet war, der im Krieg den Heldentod starb (aber eigentlich Österreicher war, der nur ungern seine Rolle spielte). Anna wiederum hat Mitleid mit den polnischen Zwangsarbeitern und hilft ihnen, obwohl ihre Dienstherrin sie darauf hinweist, dass die Deutschen die Herrenrasse sind. In solchen Momenten ist die fehlende Feintarierung wirklich enttäuschend. Zudem hätte es dem Film angestanden, die Nebenrollen feiner auszuarbeiten. Beispielsweise wird nicht klar, weshalb Anna so an ihrer Chefin hängt. Barbara Auer spielt die Rolle der Adeligen burschikos; was des Öfteren an ein lesbisches Verhältnis denken lässt. Oder ist es doch nur die Freude darüber, als Menschen angenommen zu werden?

Fazit
Insgesamt wirkt die Konzentration auf wenige Figuren störend, da die einzelnen Schicksale überfrachtet wirken. Jede der zwei Frauen muss fast alles erleben, was für Holländer beziehungsweise Deutsche dieser Generation in Betracht kam. Selbst wenn es ein solches Leben gegeben haben sollte, wirkt es als Verfilmung überfrachtet. Lauflänge und Qualität des Mammutprojekts lassen die Frage aufkommen, ob ein Mehrteiler im Fernsehprogramm, dem Werk nicht eher entspräche?
Thomas Maiwald

Credits

Original Film-Titel: "De Tweeling"

Niederlande 2003

Laufzeit ca. 135 Min.

Kino-Start: 07.10.2004

DVD-Start: 10.05.2005

Regie: Ben Sombogaart

Drehbuch: Marieke van der Pool

Schauspieler (Besetzung): Thekla Reuten, Nadja Uhl, Ellen Vogel, Gudrun Okras, Roman Knizka, Barbara Auer

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