Kinofilm

Liebe auf den zweiten Blick - Kritik

Last Chance Harvey

Der deutsche Titel ist irreführend, denn es geht nicht um die Liebe auf den zweiten Blick, sondern vielmehr um verpasste und letzte Chancen wie der englische Titel "Last Chance Harvey" es auf den Punkt bringt. Emma Thompson und Dustin Hoffman tanzen auch nicht um einander herum, wie in einer romantischen Komödie, sondern loten aus, ob ihre Liebe überhaupt Chancen hat.

Inhalt / Handlung
Harvey Shine (Dustin Hoffman) lebt in New York und ist vom Leben gründlich enttäuscht. Er arbeitet als Musiker für Werbespots und will nicht wahrhaben, dass er langsam aber sicher für den Beruf zu alt ist. Sein Boss versucht ihm diplomatisch zu vermitteln, weshalb seine Anwesenheit bei der nächsten Präsentation nicht zwingend notwendig sein wird (es gibt Jüngere als Harvey). Aber Harvey verschließt Augen und Ohren vor den Tatsachen und fliegt genervt zur Hochzeit seiner Tochter nach London. Dort angekommen muss er enttäuscht feststellen, dass seine Ex-Frau ihm immer noch nicht verziehen hat und ihn vom Rest der Gruppe abgeschnitten, denn er wohnt als einziger Gast in einem Hotel, während alle anderen in einem gemieteten Haus übernachten. Das Treffen am Abend vor der Hochzeit bringt weitere Enttäuschungen. Die Ex-Frau macht ihn zur Schnecke und die eigene Tochter möchte nicht von ihm zum Altar geführt werden, sondern von ihrem Stiefvater.

Parallel dazu ergeht es Kate Walker (Emma Thompson) anders aber auch nicht gut. Sie lebt in London in der Nähe ihrer Mutter, die sie unablässig mit Anrufen auf dem Handy terrorisiert. Beruflich leitet Kate eine kleine Gruppe von Frauen, die am Flughafen Fluggäste befragen. Eine Beziehung wäre sicherlich schön, doch aus Angst vor Verletzungen, sagt Kate regelmäßig Nein.

Zwei Menschen, zwei Welten, zwei Schicksale. Eigentlich ist es mehr als unwahrscheinlich, dass Harvey und Kate aufeinandertreffen. Doch der Zufall will es anders. Die ersten zwei Begegnungen dauern nur Sekunden. Erst als Harvey seinen überstürzten Rückflug verpasst und im selben Flughafen-Restaurant einkehrt wie Kate, kommen sie einander näher. Dabei ist Harvey von Kate mehr angetan als sie von ihm. Doch Harvey gibt so schnell nicht auf. Er folgt Kate und beginnt mit seiner unnachgiebigen Art das Eis zu schmelzen. Nach einem Nachmittag voller vorsichtiger Annäherungen besuchen beide gemeinsam die Hochzeitsfeier von Harveys Tochter. Sie machen sogar die Nacht durch und verabreden sich für den folgenden Tag. Doch Harvey erscheint nicht ...

Filmkritik

Der Kinofilm "Liebe auf den zweiten Blick" ist mehr eine Charakterstudie denn eine romantische Komödie. Die Handlung möchte von den Schwierigkeiten erzählen, die zwei Menschen haben, die nicht mehr Anfang 20 sind, und versuchen herauszufinden, ob sie miteinander eine Beziehung eingehen wollen. Dazu beleuchtet die Handlung zunächst die Leben der zwei Hauptdarsteller; erzählt in Gegenschnitten den Istzustand. Allerdings bleiben diese Einblicke in fremde Leben ungefähr so spannend wie der Blick über den Gartenzaun des Nachbarn, denn es bleibt bei oberflächlichen Schilderungen. So gehen ca. 45 Minuten der Handlung mehr oder minder spannend dahin.
Kate ist eine patente, attraktive Frau. Hat allerdings eine solche Angst verletzt zu werden, dass sie jedes Date verpatzt. Zudem ärgert sie sich mit ihrer gelangweilten Mutter herum. Harvey wiederum ist auf den ersten Blick ein unansehnlicher, kleiner Tropf, der sich als Opfer der Lebensumstände sieht. Seine Ex-Frau sagt zwar, er habe früher mal viel Humor besessen - doch das kann man heute nur noch ahnen. Es ist also unwahrscheinlich, dass eine Frau wie Kate einen Mann wie Harvey überhaupt beachtet, denn erschwerend kommt hinzu, dass er alt genug ist, um ihr Vater zu sein. Besonders interessant ist deshalb die erste Annäherung, das Gespräch im Restaurant. Doch das wird nach wenigen Minuten ausgeblendet. Anders gesagt, am ersten richtig spannenden Punkt, dreht der Film den Ton ab. Dieser Fehler passiert mehrfach: Die Gespräche brechen gerne dann ab, wenn es beginnt in die Tiefe zu gehen. Es folgen Sequenzen, in denen Kate Harvey die Lebensfreude zurückgibt und er ihren Gefühlspanzer knackt. Damit haben die Zwei einander einen großen Dienst erwiesen und könnten wieder getrennter Wege gehen. Ob die Zwei einander nun finden oder den Versuch abbrechen erfährt der Zuschauer nicht mehr, denn das Ende ist offen.
Gewollt ist sicherlich, dass die Handlung ganz vorsichtig an Fahrt gewinnt und bis zum Ende ausgesprochen ruhig bleibt. Ärgerlich finde ich, dass in allen Szenen, in denen die Handlung an Tempo gewinnt, Musik als Bremse eingesetzt wird und man wieder ins Schnarchtempo verfällt; im schlimmsten Fall überlagern sich schnelle und langsame Musik.

Emma Thompson zählt nicht zu meinen favorisierten Darstellerinnen, denn sie neigt dazu sehr inbrünstig zu spielen. In "Liebe auf den zweiten Blick" gefällt mir ihr zurückgenommenes Spiel. Dustin Hoffman habe ich schon des Öfteren Ähnliches spielen sehen. Die Idee, diese äußerlich sehr unterschiedlichen Darsteller eine Liebesgeschichte spielen zu lassen, erschien mir ein passender Vergleich für das Sprichwort: "Das passt ja wie die Faust aufs Auge". Und auch die Handlung laviert sich um die eigentliche Liebesgeschichte herum, indem sie nur die Annäherung der Charaktere zeigt.

Fazit
"Liebe auf den zweiten Blick" ist ein in sich geschlossenes Konzept, aber nicht sonderlich gelungen. Auf mich macht es den Eindruck als habe Joel Hopkins sich verhoben. Es ist sein erster langer Kinofilm, er schrieb das Drehbuch und führte Regie. Er versucht mit 38 Jahren etwas zu erzählen, dass er aus eigener Lebenserfahrung kaum kennen wird. Sprich die Begegnung zwischen einer 49jährigen Frau und einem 72jährigen Mann. Alles in allem ein ausgesprochen solides Werk, das an einigen Stellen so solide ist, dass es zäh wird. Die angestrebte Tiefgründigkeit wurde nicht erreicht.
Filmkritik: Thomas Maiwald

Wertung: 50 %

Credits

Original Film-Titel: Last Chance Harvey

Land: Großbritannien / USA 2008

Laufzeit in Minuten ca.: 90

Kinostart: 16.04.2009

Regie: Joel Hopkins

Drehbuch: Joel Hopkins

Schauspieler (Besetzung): Dustin Hoffman, Emma Thompson, Eileen Atkins, Liane Balaban, James Brolin, Kathy Baker

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