In einer Kino-Sommersaison, in der Hollywood (wie so oft) nichts zu bieten hat außer Affen, Monsterorganismen, Dinosauriern (gähn) oder künstlichen Intelligenzen, kommt hier in deutsch-französischer Zusammenarbeit aus der Stadt der Liebe eine Figur, die in all ihrer Märchenhaftigkeit das Leben und das Kino wieder lebenswert erscheinen lässt.
Als Mädchen, dass als Kind nicht mit Gleichaltrigen Kontakt hatte, träumt sich ein Mädchen seine eigene Welt zusammen, in der Hasen am Himmel vorüberziehen oder Fantasiekrokodile einer Herzuntersuchung unterzogen werden. Aber sie verändert nicht nur ihre eigene Welt, sondern auch die der anderen, und so wird sie zum Engel von Paris. Audrey Tatou als "Amelie" ist die Entdeckung dieses Jahres, und sie spielt hier, so will es scheinen, bereits die Rolle ihres Lebens. Alles dreht sich um ihre braunen Augen, und die hervorragende Kamera von Bruno Delbonnel tut ihr übrigens, den Zuschauer in den Bann zu ziehen. Und Intimität zu erzeugen: Wohl selten war eine Szene in einer Geisterbahn so sinnlich, so aufgeladen mit der Sehnsucht zu berühren und berührt zu werden, wie in diesem Film. Die Liebe zum Detail, zu den Kleinigkeiten im Leben, auf die man so oft nicht achtet und die doch am Ende das Salz in der Suppe sind - eben sie macht diesen Kino-Film "Die fabelhafte Welt der Amelie" so sympathisch. Regisseur Jean-Pierre Jeunet ist das Kunststück gelungen, eine unendliche Zahl von magischen Augenblicken zusammenzufügen zu einem großen Ganzen.
Kritik: Audrey Tautou kümmert sich raffiniert und liebevoll um das seelische Wohl ihrer Mitmenschen. Ihr eigenes Liebesleben jedoch benötigt die raffinierteste Strategie, die sie durch ganz Paris treibt. Es wird eine Menge geboten: Ein Gartenzwerg auf Weltreise, wilder Sex auf einer Cafehaus-Toilette, dass die Gläser vibrieren, ein weiblicher Zorro als Rächer der Gedemütigten, eine Artischocke, die mehr Herz hat als der Gemüsehändler (ohne Herz) - und ein Brief, der 30 Jahre zu spät ankommt, obwohl zwischen seiner Erstellung und seiner Zustellung nur ein Tag vergeht - und trotzdem kommt er genau richtig. Viel los im Film "Die fabelhafte Welt der Amelie".
Verwirrt? Keine Angst, so viele Geschichten hier auch erzählt werden, sie sind alle stringent und höchst amüsant nachzuvollziehen. Allerdings: Menschen, die es verwerflich finden, wenn eine Frau von einer anderen Frau erschlagen wird, welche letztere sich gerade vom Dach einer Kirche herunter zu Tode stürzt (hehe!), der sollte den Film besser meiden, denn es gibt ein paar solcher (höchst amüsanten) schwarzer Scherze.
Was die Autorin dieser Zeilen mag: Im Kino Tränen der Freude und der Rührung in den Augen haben und sich nicht dafür schämen müssen. Was sie nicht mag: Wenn Menschen sich den Genuss eines solchen magischen Films entgehen lassen. Also los: Ein Ticket gelöst und rein da! Und wenn es der einzige Film ist, den Ihr Euch dieses Jahr anseht. Oder auch mehrmals, um möglichst viele Details mitzubekommen. Es lohnt sich in jedem Fall.
Tina Manske
Credits
Original Film-Titel: "Le fabuleux destin d' Amelie Poulain"