Kinofilm

Eierdiebe - Kritik

Martin Schwarz (Wotan Wilke Möhring) ist der Lieblingssohn seiner Familie. Studium in den USA mit besten Karrierechancen. Für seine Eltern vollkommen unverständlich, dass er sich Hodenkrebs einfängt. So etwas passiert einem doch normalerweise nicht. Das stört doch den normalen Gang der Dinge. Also einfach operieren und wieder an die Karriere denken.

So einfach ist es aber nicht. Martin hat ein dickes Ei (einen geschwollenen Hoden). Sein Bruder (Alexander Beyer) meint, damit ist nicht zu spaßen und eine sofortige Untersuchung sei notwendig. Die sofortige Diagnose nimmt ein guter Bekannter des Bruders vor. Der ist zwar kein Arzt aber immerhin Rettungssanitäter. Im Gebüsch - gleich neben der Imbissbude - geht der Sani ans Werk. Als Gleitmittel dienen ihm Mayo und Ketchup. Plötzlich hört man Stöhnen aus den Büschen - woher sollte der Sani denn wissen, dass das Curry-Ketchup war?
Nächste Station: Krankenhaus. Der Doktor (Götz Schubert) im Krankenhaus sieht sich die Sache mal an und kommentiert nur trocken, da wäre wohl schon jemand vor ihm drangewesen. Dann betastet er Martins Prostata (rektal). Der Doktor findet da auch etwas, "das da nicht hingehört". Martin bleibt im Krankenhaus - zum Missfallen seiner Mutter (Marie Gruber). Die Operation entpuppt sich als "Teil-Kastration", denn die "Eierdiebe" haben ihm einen Hoden entfernt. Doch der Krebs ist schon fortgeschritten. Vielleicht nur Metastasen in den Lymphknoten, vielleicht mehr. Am besten, Martin legte sich gleich wieder unters Messer. Vielleicht könnte dabei der eine oder andere Muskel durchtrennt werden, vielleicht ist Martin danach impotent. Wer weiß das vorher? Der Arzt sieht die Sache ganz locker. Am besten alles rausschneiden.
Oder?
Ach ja, es gibt da noch ein oder. Doch wer will schon ein oder? Oder eine Chemotherapie, die anschlagen kann oder auch nicht. Wer weiß das schon? Bei der Chemo gehen den Patienten die Haare aus ... alle schnellwachsenden Zellen eben ...
Martin entscheidet sich für die Chemo und bleibt im Krankenhaus. Allerdings bekommt er immer noch kein Einzelzimmer sondern lernt gleich zwei nette Leidensgenossen kennen. Nickel (Janek Rieke) und Harry (Antonie Monot, Jr.) Die zwei sind geübt in Chemo. Die drei Männer werden schnell zu einem eingeschworenen Trio. Den Tag verbringen sie mit kotzen - nach der Chemo, dem Konsumieren von Horrorvideos (schon mal so schlechte Gedärme gesehen?), oder mit Organ-Poker ... dazu gesellt sich Susanne (Julia Humer), auf die alle drei ein Auge werfen.
Susanne verliebt sich in Martin, doch ihre Liebe hat wenig Aussicht. Hier schlägt die anfänglich zartbittere Handlung der Tragik-Komödie bald in eine Tragödie um. Martin verliebt sich in die junge Frau, doch Susanne "hat es nicht geschafft" (bemerkt das Personal). "Bei den Engeln" urteilen die Männer als sie Susannes Leiche in der Pathologie entdecken. Dort fahnden sie mit vereinten Kräften nach Martins Ei. Der geschwollene Hoden gehört jetzt der Pathologie, kanzelte einer der Doktoren ihn ab. Das sieht das Trio ganz anders, bringt das Ei in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in seinen Besitz. Im kleinen Park vor dem Krankenhaus wird das Ei feierlich begraben.
Zwischenzeitlich besucht Martin seine Eltern. Martins Mutter hat gesunde Schnitzler-Kost aufgetischt. Rohkost in allen erdenklichen Formen und Farben, derweil das Schoßhündchen den Braten frisst. Martin findet die Situation zum Kotzen und bringt das zum Ausdruck. Das freut den Hund, der sich auf das Erbrochene stürzt. Martins Mutter reißt den Hund weg: "Ist doch giftig!" Soviel zur Familie. Während die Mutter mit dem Hund Gassi geht, kehrt Martin lieber ins Krankenhaus zurück. Das ist einfacher zu ertragen als der elterliche Versuch "alles normal" erscheinen zu lassen.

Filmkritik

"Eierdiebe" beginnt als schwungvolle Tragik-Komödie. Der Mittelteil schwenkt in die Tragödie und lässt das Zartbittere des Anfangs vermissen; gegen Ende gewinnt der Film dann wieder an Schwung sowie schwarzem Humor. Die Rollen sind gut besetzt. Eine Mutter, die ihren Sohn am freien Wochenende im Dunkeln abholt und in die Garage fährt. Angeblich damit er nicht so weit laufen muss. In Wahrheit sollen die Nachbarn den (haarlosen) Sohn nicht sehen. Der Vater nimmt seinen Sohn nur ungern in den Arm - als habe er eine ansteckende Krankheit und lässt sich im Krankenhaus nie sehen. "Du weißt, wie Vatti so ist", entschuldigt die Mutter.
Das Krankenhaus-Personal schwankt zwischen freundlicher Gleichgültigkeit und Kasernen-Ton. Echtes Mitgefühl mischt sich mit Abgebrühtheit. Zur Entspannung suchen der Arzt und die Schwester dann und wann das Bettenlager auf. Die Musik dröhnt ziemlich, was den Eindruck insgesamt schmälert. Wiederum gefallen kann der Szenen-Humor. Etwa wenn der Arzt mit Martin zwischen Tür und Angel redet und während des Gesprächs seinen Finger gedankenverloren im Rektum eines anderen Patienten hat. Wäre dieser Humor durchgängig, wäre viel gewonnen.
Filmkritik: Thomas Maiwald

Credits

Original Film-Titel: "

Deutschland 2003

Laufzeit ca. 88 Min.

Regie: Robert Schwentke

Drehbuch: Robert Schwentke

Kinostart / Filmstart: 22.01.2004

Schauspieler (Besetzung): Wotan Wilke Möhring (Martin Schwarz), Janek Rieke (Nickel), Antoine Monot, Jr. (Harry), Julia Hummer (Susanne), Alexander Beyer (Roman Schwarz), Marie Gruber (Gabriele Schwarz), Fatih Cevikkollu (Pfleger), Götz Schubert (Dr. Bofinger), Thomas Thieme (Hans Schwarz), Doris Schretzmayer (Schwester Elke), Leander Haußmann (Winnie), Gisela Monot (Harrys Mutter)

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