Kinofilm

Brokeback Mountain - Kritik

Es beginnt in bleischwerer Ruhe. Zwei junge Männer warten vor dem klapperigen Wohnwagen ihres Chefs auf Arbeit. Einige belanglose, abschätzende Blicke werden getauscht. Die darauf folgende Einweisung in ihren Job ist kurz. Schafe hüten auf dem "Brokeback Mountain". Einer bewacht die Tiere und der andere hat ein Auge auf die Vorräte. So weit so gut. In den Bergen angekommen, spielen die Männer einander den harten Macho vor: wortkarg, rau. Die ersten Tage ziehen dahin ... Doch allmählich reden sie nicht nur länger miteinander, die Themen werden auch brisanter. Man erzählt sich von der bescheidenen Kindheit und dem Verhältnis zu den Eltern.

Nach einem nächtlichen Besäufnis, beschließt Ennis del Mar (Heath Ledger) am Lagerfeuer zu schlafen. Auf keinen Fall will er mit Jack (Jake Gyllenhaal) in einem Zelt übernachten. Als er es doch tut - die Kälte ist einfach unerträglich - nutzt der die Gelegenheit sich an ihn anzukuscheln. Ennis' erstem Entsetzen folgt eine ungelenke, schnelle Nummer. Am nächsten Morgen schwören beide, die letzte Nacht sei ein Ausrutscher, der sich niemals wiederholen wird. Doch aus vorsichtigen Annäherungen wird Liebe. Während Jake die Situation akzeptiert, kann Ennis damit nicht umgehen. Weder kann er seine eigenen Gefühle akzeptieren, noch zu Jake stehen. So bekommt er wiederholt Wutausbrüche, die soweit gehen, dass er Jake niederschlägt.

Am Ende der Saison trennen sich ihre Wege zunächst. Ennis tritt die Flucht nach vor an und flüchtet in eine Scheinehe. Kein glückliches Unterfangen, denn die Beziehung ist durch ständige Streits und seine Fluchten geprägt. Zudem muss seine Frau Michelle (Alma Beers) mit ansehen, wie er eines Tages Jake beim Wiedersehen innig küsst. Sie weiß also Bescheid und leidet zunächst still. Etwas anders ist die Situation in Jakes Ehe. Auch er hat zwischenzeitlich geheiratet, aber in seiner Ehe ein Arrangement getroffen. Lureen (Anne Hathaway) übernimmt die Führung der Firma, verwirklicht sich in allem Finanziellen, während er den Verkäufer gibt. Die Treffen mit Ennis beschränken sich auf wenige Wochenenden im Jahr. Mit den Jahren leben sich die Männer immer weiter auseinander. Während Jake daran denkt, sich scheiden zu lassen und auf der Farm seiner Eltern mit einem anderen Mann zusammenzuleben, zerbricht Ennis' Ehe und er flüchtet ins Alleinsein. Doch damit sind die Schranken immer noch nicht niedergerissen. Ennis wird es wahrscheinlich nie gelingen, seine wahren Gefühle zu leben.

Filmkritik

Ang Lee hat mit "Brokeback Mountain" einen Kinofilm geschaffen, der aufzeigt, was geschieht, wenn ein Mensch an den eigenen Gefühlen zerbricht, weil er sie nicht auszuleben vermag. Aufgehängt hat er die Thematik an einer Kurzgeschichte von Annie Proulx, die auch die Buchvorlage für "Schiffsmeldungen" schrieb.
Nur auf den ersten Blick ist Lees Film ein schwuler Western oder ein Schwulendrama. Auf den zweiten Blick erscheint er vielmehr wie ein zeitloses Meisterwerk. Darin bleiben beliebte oder Aufsehen erregende Themen und Klischees wie AIDS, Männer in Frauenkleidern oder Lederbars ausgespart. Im Gegenteil. Erwartete Klischees werden ins Gegenteil verkehrt. So scheinen Jakes Eltern zunächst wie klassische Homophobe, entpuppen sich dann aber als tolerante Eltern, die den Fast-Schwiegersohn auf die eigene Farm holen möchten. Die grundsätzliche Thematik beschreibt zwar vordergründig die Beziehung zweier Männer, doch im Kern geht es die Tragik, die entsteht, wenn zwei Menschen, einander lieben, aber einer von ihnen die eigenen Gefühle nicht leben kann.
Ang Lees Sprache setzt dazu auf eine authentische, schnörkellose Erzählung, die in (nahezu quälender) Ruhe, ihre Geschichte Stück für Stück ausbaut und das Drama stetig weiter zuspitzt. Es ist fast so, als ob einen die Handlung unaufhörlich unter Wasser zöge. Man sieht die Ausweglosigkeit kommen, kann ihr aber nicht entfliehen. Das Drehbuch streut zwar immer wieder erlösende Gags ein, dennoch ist es konsequent und statt einem Happyend, findet die Geschichte ein trauriges Ende. Die Kunst liegt darin, dass kleine Gesten und Bilder große Emotionen transportieren. Wenn Ennis nach Jakes Tod darum bittet, Jakes Hemd mitnehmen zu dürfen und es später an seinen eigenen Kleiderschrank hängt, dann passiert rein technisch gesehen nicht viel, doch die vermittelten Emotionen sind durch die Reduktion umso größer.

Nach dem ersten Sehen gingen mir die eindringlichen Bilder mehrere Tage lang nicht mehr aus dem Kopf. Als ich einigen Kollegen sagte, dass ich mir den Film ein zweites Mal anschaue, hielten mich alle für verrückt; niemand wollte den beklemmenden Kinofilm ein zweites Mal sehen. Heath Ledger hatte zwischenzeitlich den Golden Globe bekommen und dementsprechend voll, war die zweite Pressevorführung. Danach ging es mir besser als nach dem ersten Sehen, obwohl mir am Ende wieder die Tränen in den Augen standen und mich der Film tief berührte. Wahrscheinlich werde ich ihn mir auch noch ein drittes oder viertes Mal ansehen. Und ich bin überzeugt, auch dann noch etwas Neues entdecken zu können, denn die Handlung steckt voller Details. So beginnt sie verhalten romantisch, dann folgt die schrittweise Annäherung, die erste Vertrautheit, die Männer agieren in den Bergen fast wie ein altes Ehepaar, um zunächst miteinander zu brechen, ohne voneinander loszukommen. Sie zeigt typische Schlüsselszenen auf, etwa diese wortlosen Abschiede. Spart auch die Schicksale der Ehefrauen nicht aus, die auf unterschiedliche Weisen mit der schwierigen Situation umgehen. Selbst der leider weit verbreitete Hickhack zwischen Schwiegereltern und Schwiegerkindern wird thematisiert.
Cineasten, die auf Symbolik achten, werden ebenfalls belohnt. So ist das Schicksal der Beziehung mit der Natur nicht nur eng verknüpft. Der Berg ist der einzige Ort, an dem die Menschen frei sind. Zudem läuten kleine und große Naturkatastrophen Wendungen ein.
Getragen wird die Handlung von den guten Darstellern. Insbesondere Heath Ledger hätte ich nicht zugetraut, den Kinofilm zu stemmen. Doch seine Darstellung wurde zurecht mit einem Golden Globe belohnt. Etwas mehr im Hintergrund, aber ebenfalls auffallend gut spielt Jake Gyllenhaal. Ang Lee bekam für den Film nach "Sinn und Sinnlichkeit" und "Tiger And Dragon" bereits den dritten Golden Globe für die beste Regie.
Filmkritik: Thomas Maiwald

Credits

Original Film-Titel: "

Land: USA 2005

Laufzeit in Minuten ca.: 134

Kinostart / Filmstart: 09.03.2006

DVD-Start: 16.10.2006

Regie: Ang Lee

Drehbuch: Larry McMurtry, Diana Ossana

Schauspieler (Besetzung): Heath Ledger (Ennis Del Mar), Jake Gyllenhaal (Jack Twist), Michelle Williams (Alma Beers), Anne Hathaway (Lureen Newsome), Randy Quaid (Joe Aguirre), Kate Mara (Alma Jr.), Linda Cardellini (Cassie), Graham Beckel (L.B. Newsome), Mary Liboiron (Fayette Malone), Anna Faris (Lashawn Malone), David Harbour (Randall Malone), Roberta Maxwell (Jacks Mutter), Peter Mc Robbie (John Twist)

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