Kinofilm

Der Eid

Wie weit wirst du gehen, um deine Tochter zu retten?
Auf den ersten Blick scheint das Leben von Finnur (Baltasar Kormákur) perfekt. Der erfolgreiche Herzchirurg lebt mit seiner Frau Solveig (Margrét Bjarnadóttir) und Tochter Hrefna (Auður Aradóttir) zusammen. Ein sorgenvoller Punkt in Finnurs Leben ist Tochter Anna (Hera Hilmar). Sie lebt nicht mehr im Elternhaus, sondern hat eine eigene Wohnung, die ihr der Vater finanziert. Doch dem geplanten Zweck, zur Schule gehen zu können, dient die Wohnung nicht mehr.

Seit einiger Zeit ist Anna mit Óttar (Gĺsli Örn Gardarsson) zusammen. Von dem hält Finnur zunächst wenig und nach dem ersten Zusammentreffen gar nichts. Und bald darauf findet er heraus, dass Anna Drogen nimmt. Der besorgte Vater ist der Meinung, dass Óttar nicht nur für den Drogenkonsum verantwortlich ist, sondern mit Drogen dealt. Doch die Polizei kann aufgrund eines reinen Verdachts nicht einschreiten. Dann spitzt sich die Lage zu, als Óttar Finnur offen erpresst.

Kritik

Der Spielfilm von Baltasar Kormákur ist nahe an seinen Personen. Die Kamera begleitet die Darsteller in prekären Momenten und arbeitet mit vielen Nahaufnahmen. Trotzdem entsteht für mich keine Nähe zu den Figuren, denen eine Vita und ein Ausbau fehlen. Stattdessen arbeitet die Handlung mit fest stehenden Figuren. Das verwundert insofern, dass die Story im Kern eine Erpressung ist und der Knackpunkt darin besteht, aufzuzeigen, wie weit man einen Menschen unter Druck setzen kann, ehe der rot sieht und die Kontrolle über sich selbst verliert.
Diesen Menschen spielt Baltasar Kormákur zu meinem Erstaunen von Anfang bis Ende mit dem fast immer selben Gesichtsausdruck. Während der Einführung guckt er bereits mit leicht gesenktem Kopf in die Kamera und erinnert an einen angriffslustigen Stier. Ich frage mich, wen er angreifen möchte und warum? Eine Erklärung kann ich nur bedingt aus der Handlung herauslesen. Die lautet: Der Film arbeitet nicht mit einer Handlung in Akten, sondern ist herausgegriffen. So wie wenn man den Fernseher einschaltet und der Film läuft bereits. Dann fehlt die klassische Einleitung und der Konflikt (den man nicht kennt) schwelt bereits. Diese Annahme untermauert auch das offene Ende.

Weiterhin fällt mir auf, dass Kormákur in vielen Szenen körperliche Fitness demonstriert. Sein häufiges Rad fahren bildet jedoch keinen Knackpunkt im Sinne eines Zeitfaktors. Es tritt nicht der Fall ein, dass die Frage entscheidet, welches Verkehrsmittel nutzte er an diesem Tag? Darum wirkt seine Zurschaustellung von Training und Körper wie Selbstdarstellung. Ja, er ist für einen Mann seines Alters gut in Form und die Arbeit im Fitnessstudio ist ihm anzusehen. Trotzdem verwundert es, wie oft er im Film halb nackt zu sehen ist, ohne das die Situation dies zwingend erfordert.

Als Schauspieler lässt er es an Bandbreite mangeln. Ich habe nicht genau mitgezählt aber seine Mimik beschränkt sich auf weniger als eine Handvoll Gesichtsausdrücke. Was insgesamt symptomatisch ist für den Film. Auch den restlichen Figuren fehlt es an Tiefgang, Ausdruck und Bandbreite. Somit erübrigt es sich, auf die Leistungen der Darsteller im Einzelnen einzugehen. Pauschal gesprochen verkörpern sie Klischees. Die hübsche Ehefrau, die pubertierende Tochter, das Nesthäkchen, die abgebrühte Kommissarin …

Das Drehbuch gibt dem Ganzen in einigen wenigen Sequenzen einen psychologischen Anstrich. Etwa dann, wenn zwei Männer miteinander verbal kämpfen. Oder wenn die Mutter des Drogendealers auftritt und vermittelt, dass der Mann, den Finnur als ein Stück Dreck empfindet, ihr geliebter Sohn ist. Davon abgesehen hat die Handlung mit Psychologie wenig im Sinn. Somit ist der Film kein typisch skandinavischer Krimi, sondern ein Film über Erpressung. Optisch ist der "Eid" interessant gestaltet. Über der gesamten Handlung liegt eine Schwere, die selbst die Außenaufnahmen überschattet.
Die gesehene Fassung ist die Originalversion mit deutschen Untertiteln. Das heißt, ich kann nicht beurteilen, ob die Synchronfassung dem Film zuträglich oder abträglich ist. Isländisch klingt für mich sehr eigenwillig und es schwingt die Frage mit, ob Feinheiten bei der Untertitelung unter den Tisch fielen?

Fazit
Die Handlung ist eindimensional, konventionell und dabei mäßig spannend. Eine Auseinandersetzung mit dem hippokratischen Eid, der den Titel gibt und den Film eröffnet, fällt mir nicht auf.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 60 %

Original Filmtitel: Eidurinn
Land: Island
Jahr: 2016
Laufzeit ca.: 102
Genre: Krimi
Verleih: Alamode Film
FSK-Freigabe ab: 16 Jahren

Kinostart: 09.02.2017

Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Ólafur Egilsson • Baltasar Kormákur

Schauspieler: Baltasar Kormákur (Finnur) • Hera Hilmar (Anna) • Gísli Örn Garðarsson (Óttar) • Ingvar Eggert Sigurðsson (Halldór) • Guðrún Sesselja Arnardóttir (Birna) • Joi Johannsson (Polizist) • Sigrún Edda Björnsdóttir (Ragnheiður) • Margrét Bjarnadóttir (Solveig) • Þorsteinn Bachmann (Ragnar) • Þorsteinn Gunnarsson (Gulli) • Ágúst Bjarnason (Gísli Helgason) • Kristján Franklin Magnúss (Bergþór) • Jakob Þór Einarsson (Læknir Önnu) • Þröstur Leó Gunnarsson (Eldri maður) • Thelma Gudmunds (Pflegerin)

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