Die Geschichte ist schnell erzählt. Peter Parker, seines Zeichens Waise, lebt bei Onkel Ben und Tante Mary im trauten Reihenhaus im New Yorker Stadtteil Queens. Mary Jane, das Mädchen von nebenan, ist seine große Liebe.
Doch weil Peter Parker ein verkopfter Musterschüler ist und zudem ein Weichei traut er sich nicht Mary Jane anzusprechen. Seine Freundschaft mit Harry Osborne trägt auch keine besonderen Früchte. Zwar leben beide am Rand der College-Gemeinschaft, denn auch Harry ist Außenseiter, weil sein Vater ein stinkreicher Großindustrieller ist, aber eine wirkliche Freundschaft ist es eben nicht. Bei einer Schul-Exkursion wird Peter von einer genetisch manipulierten Spinne gebissen. Bereits am Tag darauf ist er mutiert: Der Körper ist muskulöser, die Sinne schärfer, er kann Wände hinauflaufen und Spinnennetze und -fäden verschießen. Er ist "Spider-Man".
Derweil unternimmt Harrys Vater im Kinofilm aus Verzweiflung einen gewagten Selbstversuch und das Schicksal nimmt seinen Lauf, denn in Harrys Vater erwacht das Böse und zeitweilig mutiert er zum Grünen Kobold. Es kommt, wie es kommen muss: Gut trifft auf Böse und das Gute siegt zunächst, doch das Filmende riecht verdächtig nach Fortsetzung. Seine große Liebe Mary Jane könnte Peter zwar kurz vor knapp noch bekommen, aber es gibt zu viele Dinge die er ihr nicht sagen kann und stets werden die, die er liebt, für seine Genialität bezahlen müssen. Welch Funken Tragik und Schuld schlummern ach in der Heldenbrust!
Filmkritik
Offensichtlich braucht Amerika Helden (nach dem 11 September 2001) händerigend um jeden Preis. Und so könnte ein Untertitel für den Film lauten: Vom Tellerwäscher zum Nationalhelden. Die schönen Ideen des Films, dass "Spider-Man" erst einmal Zielschießen üben muss, oder seine Angebetete kopfunter an der Mauer hängend küsst, die witzigen und schönen Ideen gehen schnell in Klischees, Trivialität und brachialen Szenen unter. Die Spezialeffekte sind gelungen und sehenswert, doch auch sie retten den Film nicht.
Es ist ein abgenudeltes und doch von Hollywood geliebtes Klischee, dass Helden oder Trottel dümmliche Brillen tragen. So kriegt auch Peter im Film eine hässliche Brille verpasst, die er nach der Mutation aber nicht mehr braucht. Seine große Liebe Mary Jane ist nicht nur das Mädchen von nebenan, sondern auch das langweiligste Mädchen von nebenan. Sie darf selbst Geld verdienen und im entscheidenden Moment an dem Drahtseil nach unten rutschen, aber da endet dann auch ihre Charakterisierung.
Tante Mary, die von allen Tante Mary genannt wird, ist gerade aus einem Werbespott für ein Produkt aus der guten alten Zeit entsprungen. Soviel Güte und Liebe existiert ansonsten nur in Film-Romanzen. Wenn dann die übermenschlich gute Tante Mary vom Grünen Kobold heimgesucht wird, dann geschieht das natürlich in dem Moment, in dem sie betet. Doch auch der Spinnenknabe selbst, der ein Held Mensch wie jeder andere sein soll, verkommt zum blassen Knaben, dessen markantestes Merkmal das Grübchen im Kinn ist. Schauspieler Tobey Maguire hat sicher ein nettes Gesicht, aber der Filmtitel spricht vom Mann - nicht vom Knaben. Doch - warum sollte Amerika nicht von einem Knaben gerettet werden? Also hangelt sich die Knaben-Spinne durch actionreiche Film-Szenen, rettet reihenweise Menschen - die sich teils auch in den banalsten Situationen nicht selbst helfen können - und bekämpft den grünen Kobold. Weshalb er, wie viele andere amerikanische Helden auch, kein Intimleben hat, oder haben darf, bleibt offen. Er verzehrt sich nach Mary Jane, dem langweiligsten Mädchen der Nachbarschaft, doch als sie ihn endlich erhört, will die Knaben-Spinne nicht mehr, denn sie hätte soviel zu erzählen, was sie dem langweiligsten Mädchen der Nachbarschaft nicht erzählen kann.
Dafür erzählen andere große Weisheiten. Der Satz: "Mit großer Macht kommt große Verantwortung." markiert den größten Tiefgang des Filmes - und weil der Satz so furchtbar tragend, tiefgründig und schwer zu verstehen ist, wird er so oft wiederholt, bis es auch der dümmste Zuschauer verstanden hat. Zur Belohnung für die tolle Philosophie darf Onkel Ben frühzeitig einen Abgang aus dem Trivial-Epos in Überlänge machen und durch seinen Tod die Rachegelüste in in der Knaben-Spinne wecken. Darin sind sich Hollywoods Filmemacher einig: Wenn man für das Gute kämpft, braucht man im Film keine Gnade walten zu lassen. Wer ein Verbrechen begeht dem wird nicht verziehen. Das Gebot der Nächstenliebe oder ein einfaches Verzeihen, eine zweite Chance, dafür haben Superhelden keine Ader und keine Zeit. Anmerkung zur Filmkritik: Wie sagt der Grüne Kobold zu "Spider-Man": "Du bist so furchtbar berechenbar." Wie Recht er hat!
Filmkritik: Thomas Maiwald
Credits
Original Film-Titel: "
USA 2002
Laufzeit ca. 121 Min.
Kinostart / Filmstart: 06.06.2002
Regie: Sam Raimi
Drehbuch: David Koepp
Schauspieler (Besetzung): Tobey Maguire (Spider-Man / Peter Parker), Kirsten Dunst (Mary Jane Watson), Willem Dafoe (Green Goblin / Norman Osborn), James Franco (Harry Osborn), Cliff Robertson (Onkel Ben)