Kinofilm

Schiffsmeldungen - Kritik

Shipping News

Was hatte ich nach "Chocolat" und dem Trailer erwartet? Einen derartig rauen, schroffen Film jedenfalls nicht. "Schiffsmeldungen" ist das völlige Gegenstück zu Chocolat. Kevin Spacey als Quoyle wird schon als Kind von seinem Vater gebrochen, indem er Schwimmübungen machen muss bis kurz vorm Ertrinken.

Mit dieser archaischen Angst geschlagen, führt er fortan ein Leben als gebrochener Mensch - salopp gesagt als geborener Verlierer und Trottel. Seine Frau Petal treibt es mit Vorliebe im Nebenzimmer mit anderen Männern, während Quoyle vor dem Fernseher sitzt. Er selbst darf sie nicht mehr anfassen.
Seine Arbeit als Drucker schafft er mit Hängen und Würgen und sein Vater teilt ihm seinen Freitod in der Mittagspause mit; auf dem Anrufbeantworter der Druckerei erfährt Quoyle vom Tod seiner Eltern. Kurz vom Ableben noch schnell eine Demütigung, weil der Vater die Privatnummer vergessen hat. Das Erbe geht für Kosten drauf und Quoyles Frau verlässt ihn im Film deshalb. Kurzerhand entführt sie die Tochter Bunny - Quoyle sitzt einsam und verlassen da. In diese Szenerie platzt die resolute Tante Agnis. Die stiehlt im ersten unbeobachteten Augenblick die Asche ihres Bruders (Quoyles Vater) und schickt sich dann an nach Neufundland aufzubrechen. Inzwischen erfährt Quoyle, dass seine Frau bei einem Autounfall ums Leben kam und vorher noch die Tochter für eine Handvoll Dollar verkaufte. Weil das Leben nicht mehr schlimmer werden kann, macht sich Quoyle nun mit Tochter Bunny auf und folgt Tante Agnis nach Neufundland.
Das Leben in Neufundland ist so rau wie die Gegend. Tante Agnis nutzt die erste Gelegenheit und schüttet die Asche ihres Bruders ins Plumpsklo und pinkelt darauf. Das Warum erfährt der Zuschauer später. Das Haus der Quoyles stand im Film seit Jahrzehnten leer und ist nichts weiter als eine Bruchbude. Tochter Bunny, inzwischen hellsichtig geworden, erkennt gleich, das Haus wurde übers Eis gezogen und hier vertaut - wie ein vor Anker liegendes Schiff. Quoyle bekommt einen Job als Reporter bei der Zeitung, die stets mit einem Autounfall auf der Titelseite eröffnet. Todeskurven gibt es in Killick-Claw genügend, doch Todesursache Nummer Eins ist ertrinken. Als Reporter verfasst Quoyle die "Schiffsmeldungen". Er berichtet über anlegende und ablegende Schiffe.

Als Aschenputtel in der Redaktion muss er als Einziger an einer alten Schreibmaschine tippen, während sein Chefredakteur ihn ausgiebig schikaniert. Doch als blindes Huhn findet Quoyle ein Korn, ein richtig dickes Korn, denn er schreibt über die Yacht, die einst Hitler gehörte. Sein Artikel schlägt ein wie eine Bombe, die Yacht-Besitzer verduften ohne die Rechnung bei Tante Agnis zu zahlen und so wird Quoyles erster Triumph nur ein halber. Glück im Unglück hat er beim Verleger der Zeitung einen dicken Stein im Brett und kriecht auf der Arbeit aus der Raupenhülle um fortan als Schmetterling Kolumnen verfassen zu dürfen - und das an einem eigenen PC.
Privat ist ihm das Glück im Film noch nicht hold. Dunkle Schatten liegen über dem Haus und der Vergangenheit seiner Vorfahren. Von einem seiner Vorfahren erfährt er, die Quoyle-Vorfahren waren alle Schiffsplünderer die Boote mit falschen Warnfeuern in die Klippen lockten. Damit nicht genug waren sie überaus grausam: einem Mann schnitten sie die Nase ab, banden ihn an den Mast und überließen ihn den Fliegen und Krebsen. Dafür wurden die Quoyles aus ihrer Dorfgemeinschaft vertrieben und mussten das Haus übers Eis ziehen an den heutigen Standort. Und: Tante Agnis kam nicht freiwillig nach Killick-Claw zurück. Sie stellte sich ihrer Vergangenheit, denn ihr Bruder hatte sie als junges Mädchen vergewaltigt und sie trieb ihm Haus ab. Auf diese Vergangenheit angesprochen offenbart sich Tante Agnis nun auch noch als Lesbierin.

Als Quoyle auf die Leiterin des Kindergartens wirft, lernen sich die Erwachsenen und die Kinder kennen und lieben. Wavey Prowse ist Mutter eines behinderten Sohnes mit dem sich Quoyles Tochter Bunny vom ersten Augenblick an versteht. Quoyle selbst hat weniger Glück. Wavey schätzt seine Zudringlichkeiten nicht bis Quoyle bei einem Bootsunfall fast ertrinkt und von seinem Verleger gerettet wird. Erst jetzt geht ihr das Herz auf und sie offenbart Quoyle, dass ihr Mann nicht ertrunken ist, sondern sie verließ als sie im achten Monat schwanger war und sexuell unattraktiv. Kurz vor Schluss wird das Haus von einem schrecklichen Sturm von der Landkarte gefegt und läutet die Wende in Quoyles Leben ein, doch was danach kommt bekommt der Zuschauer nicht mehr mit

Filmkritik

Regisseur Lasse Hallström hat einen sehr kantigen, rauen Kinofilm gedreht. Der Stoff birgt Dramatik und Widerwärtigkeiten für mehrere durchschnittliche Hollywoodproduktionen. Kevin Spacey verkörpert die Rolle des ewigen Verlierers glaubwürdig. Judi Dench setzt ihre Rolle aus "Chocolat" fast eins zu eins fort; sie verkörpert wieder die resolute Alte mit dem goldenen Herzen.
Er unterhält, fesselt aber nicht wirklich. Die gesamte Zeit über hatte ich das Gefühl von Distanz: Hier sitze ich, dort spielt der Film. Wenngleich die Handlung in sich schlüssig ist, ist sie ein harter Brocken. Jedes Mal wenn man denkt, es seien genügend Abscheulichkeiten aufgedeckt worden, kommt noch eine Neuigkeit hinzu. Das wirkt insgesamt ziemlich dick aufgetragen und dieser Eindruck wird durch die Regie noch verstärkt. Quoyles Frau ist eine Bilderbuchschlampe in Tangaslip und Netzstrumpfhosen. Kindergärtnerin Wavey hat einen behinderten Sohn und wurde von ihrem Mann verlassen. Großtante Agnis wurde nicht nur vom eigenen Bruder vergewaltigt sondern auch von ihm schwanger und trieb ab. Die Vorfahren der Quoyles waren nicht nur Schiffsplünderer sondern auch noch ausnehmend grausam. Man darf schon fragen: "Was will der Dichter damit sagen?" Irgendwie erinnert es mich an ein Theaterstück von Ibsen, wo die Frauen versuchen aus ihrem Alltag und Leben auszubrechen und daran scheitern; bzw. wo die Protagonisten mit den Geistern der Vorfahren zu kämpfen haben.
Filmkritik: Thomas Maiwald

Credits

Original Film-Titel: "Shipping News"

USA 2001

Laufzeit in Minuten ca.: 111

Kinostart / Filmstart: 28.03.2002

Regie: Lasse Hallström

Schauspieler (Besetzung): Kevin Spacey (Quoyle), Julianne Moore (Wavey Prowse), Judi Dench (Agnes Hamm), Cate Blanchett (Petal), Pete Postlethwaite (Tert Card), Scott Glenn (Jack Buggit), Rhys Ifans (Beaufield Nutbeem), Jason Behr (Dennis Buggit)

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