Im Gegensatz zur deutschen Filmindustrie kennt die amerikanische weniger Berührungsängste. Somit stellt sich im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Frage, ob man auf Teufel komm raus alles verfilmen muss, wohl nicht. Auf der deutschen Webseite zum Kinofilm "Rohtenburg" heißt es etwas eigenartig: "Manche Geschichten sollten besser nie erzählt werden ..." Anders gesprochen: "Manche Geschichte sollten besser nicht derartig erzählt werden".
"Basierend auf einer wahren Begebenheit": Die amerikanische Studentin Katie (Keri Russel) recherchiert für ihren Studien-Abschluss den Fall des deutschen Kannibalen Oliver Hartwin (Thomas Kretschmann), der im Internet ein Opfer suchte, das willens war, sich töten und verspeisen zu lassen. Bereits morgens nach dem Aufstehen, Katies Verstand ist noch so trüb wie die Bilder der Kamera, denkt die junge Frau über den Fall nach. Was treibt einen Menschen dazu, den Wunsch zu hegen gegessen zu werden? Eine Antwort darauf sollten Sie besser nicht erwarten, denn wenngleich der Kinofilm streckenweise Züge einer Dokumentation annimmt, bleibt er plausible Antworten schuldig. Statt dessen schiebt man den Schwarzen Peter den Müttern zu. Die eine ist dominant, die andere hat sich umgebracht, nachdem sie ihren Sohn bei Doktorspielen mit einem anderen Jungen erwischt hat.
Die entsprechenden Rückblenden zeigt "Rohtenburg" in Super-8-Film-Optik, die den trashigen Charakter der ersten Filmhälfte unterstreicht. Deutsche Jungs tragen darin Lederhosen und hören gerne blutige Märchen statt Gute-Nacht-Geschichten. Klar, dass aus solchen Kindern nicht viel anderes werden kann als gestörte Homosexuelle, oder? Der Kino-Film kann / oder will die Frage nicht beantworten und setzt weiterhin auf Klischees. Das Sehen von Horrorfilmen beziehungsweise das Betrachten von Bildern, die abgeschnittene Körperteile zeigen, müssen den Wunsch nach Abartigem beziehungsweise nach einer seltsamen Art des Geliebtwerdens rechtfertigen.
Katie zeigt sich jedoch insgesamt unbeirrt und setzt ihre Recherche vor Ort fort. Sie reist nach Deutschland und sucht Olivers Elternhaus auf. Ihre Spurensuche unterbrechen Rückblenden, die abwechselnd aus der Vergangenheit der zwei Männer erzählen. Darin ähnelt der Kinofilm einer Dokusoap. Und nach etwa 50 Minuten beginnt er sogar spannend zu werden. Der Kannibale und sein späteres Opfer nehmen Kontakt miteinander auf. Doch kaum ist die erste Spannung aufgekeimt, erstickt sie die Erzählweise sogleich. Statt nun endlich konsequent die Geschichte aus der Sicht der Beteiligten zu schildern, unterbricht die Erzählerin weiterhin laufend die Handlung.
Leider bleiben nahezu alle Szenen, in denen Katie recherchiert, oder durch Deutschland tapert spannungslos. Da hilft auch ihr komisches Make-up nicht, das gerne seltsam zerflossen aussieht. Und auch die insgesamt ungelenke Inszenierung, reißt den Kritiker nicht vom Kinosessel. Katie begegnet beispielsweise skurrilen Deutschen, die gerne den Weg zum Elternhaus des Kannibalen weisen. Dabei radebrechen sie deutsches Englisch. (Das amerikanische Publikum soll den Akzent mögen, erklärte die Pressesprecherin des Verleihs. Fürs deutsche Publikum wird natürlich synchronisiert.) Auf Sätze wie "Bite my Thing" kann man getrost verzichten - doch retten kann eine bessere Sprachfassung diesen Film auch nicht mehr.
Zurück zu Katie: Es gelingt ihr sogar, das Videotape zu bekommen, dass am entscheidenden Abend aufgenommen wurde. Das Internet machts möglich und die Besitzerin liefert die Videokassette sogar portofrei bis an die Haustür. Um eine Erklärung, weshalb es zu dem eigenartigen Geschenk kommt, drückt sich der Film ebenso herum, wie um einen Anflug von Tiefe. Weiter geht es mit konsequenten Gegenschnitten. Während Kannibale und Opfer endlich zur Tat schreiten, zeigen Gegenschnitte immer wieder die fassungslose Studentin, die sich etwa ungläubig die Hand vor den Mund schlägt, während sie das Video schaut. Dabei bleibt ihre eigene Motivation völlig schleierhaft.
Filmkritik
Wahrscheinlich wollte die Produktion mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Der Kinofilm "Rohtenburg" soll weder Voyeure bedienen, noch das Publikum vergraulen oder ein schwuler Film werden. Außerdem musste das deutsche Thema ein amerikanisches werden, weshalb eine Amerikanerin die Thematik aufarbeitet. Eine geschickte Idee, die jedoch aus mehreren Gründen misslang. Durch den Einsatz der Erzählerin ist aus der homosexuellen Story - die körperliche Anziehung spielt durchaus eine entscheidende Rolle - eine Erzählung mit nur mehr erotischem Hintergrund geworden. Das wirkt wie gewollt und nicht getraut.
Zudem fehlt ein klares Genre. In der ekeligsten Szene verspeisen Kannibale und Opfer gemeinsam den abgeschnitten und mittlerweile gebratenen Penis des Opfers. Später folgt die Tötung. Insgesamt ist der Film aber für Horror zu unblutig - auch wenn der Verleih ihn eindeutig als Horror anpreist. Gleichzeitig ist "Rothenburg" für einen Spielfilm trotzdem zu ekelhaft. Aber als Dokumentation zu oberflächlich. So bleibt die Frage offen, wer für den Streifen ins Kino pilgern wird? Obwohl der Verleih das Ganze bereits umgeschnitten hat - die gesehene Fassung soll ins Kino kommen - erscheint mir das Ergebnis: überflüssig.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Credits
Original Film-Titel: "
Land: Deutschland 2006
Laufzeit ca.: 90 Minuten
Kinostart / Filmstart: 09.03.2006 > 18.06.2009
Regie: Martin Weisz
Drehbuch: T.S. Faull
Schauspieler (Besetzung): Thomas Kretschmann (Oliver), Thomas Huber (Simon), Keri Russell (Katie), Angelika Bartsch (Viktoria), Alexander Martschewski (Rudy), Nils Domming (Karl), Marcus Lucas (Felix)