Kinofilm

Poem - Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug

Eine Schar nackter, scheinbar kriegslüsterner Frauen stürmt auf eine ebensolche Horde von Männern zu. Dabei stoßen sie Tiergeräusche aus. Statt des zu erwartenden "Braveheart"-Gemetzels kommt es endlich zu einem Schaukampf mit Lebensmittelfarben. Ob Schiller sich je hätte träumen lassen, dass sein Hymnus "An die Freude" (als Beethoven-Symphonie) einmal solchen Bildern angedichtet würde?

Gewagt, überaus gewagt was Regisseur Ralf Schmerberg mit dem Kino-Film "Poem - Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug" geschaffen hat. Erstaunlich darüberhinaus vor dem Hintergrund seiner bisherigen Tätigkeit: Werbefilme u. a. für Nike und American Express und Musikvideos für Bands wie "Die Toten Hosen" und "Die Fantastischen Vier". Von der flüchtigen Zurschaustellung flüchtiger Produkte nun also zu den wohl zeitlosesten Themen: Einsamkeit und Liebe, Hoffnung und Freiheit, Schmerz und Tod. In diesem Rahmen entstanden - auch qualitativ - sehr unterschiedliche (Interpretations-)Ansätze zu sehr unterschiedlichen Gedichten.
Zu den eindringlichen Zeilen (von Claire Golls "Mörder") "Es geht um den Frühlingswind, / den du soeben in der Gasse gespürt hast. / Um das Recht ihn zu atmen. / … / Um das Recht deine Hände zu beschäftigen, / deine ungefesselten Hände. / - Um das Recht dich an einer Blume zu freuen, / wenn du dich je wieder freuen könntest ... zusammengefasst: FREIHEIT." sind behinderte Menschen auf einer idyllischen Sommerwiese zu beobachten: in unbekannte Gedanken versunken, einander küssend, Sträuße bindend, einen Teddybär drückend, ausgelassen tanzend.... Dazu freche Klarinettenmusik. Tatsächlich schafft die filmische Umsetzung des Gedichts eine Aura erholsamer Natürlichkeit - und kippt im Film nicht in banalen Kitsch um.
Vielmehr subversiv, zynisch sogar, inszeniert Schmerberg Ernst Jandls "glauben und gestehen": Die Zeilen "Ich glaube, dass meinen toten Großvater Anton, … meiner Mutter … und meinem toten Freund Dietrich ... und allen Toten die ich lebendig gekannt habe, ich niemals irgendwo wieder begegnen werde. Und ich gestehe, dass ich irgendwann ihnen, je sehr ich auch einen von ihnen geliebt haben mochte, niemals wieder zu begegnen ich nicht den letzten Wunsch hege." werden mit einer kaum steigerbaren Garstigkeit vorgetragen. Dazu zeigen Videoaufnahmen - eines Amateurfilmers offensichtlich - Bilder von einem Hochzeitsfest: salbungsvolles Greifen in die Orgeltasten, Omas mit Oma-Hüten, das Brautpaar beim Fototermin, Tische voll von Geschenken, überall Umarmungen, Küsschen und aufgeregt herumspringende Kinder. Ein intelligenter, wirkungsvoller Kunstgriff, der die Brechung zwischen Wort und Bild perfekt macht.
Ein weiterer Höhepunkt großer Film-Bebilderung (und Vertonung) widerfährt Georg Trakls "Morgenlied": Das weltverlorene Pathos des Originals ("Nun schreite herab, titanischer Bursche, / Und wecke die vielgeliebte Schlummernde dir! / Schreite herab, und umgürte / Mit zartlichten Blüten das träumende Haupt ... ") wird von einem jungen, herzensrein blickenden Mann (David Bennent) in Rittermontur vorgetragen. Rüstung und Schwert wirken dabei derart requisitenhaft aufpoliert und ungebräuchlich, dass unvermeidbar eine ironische Sympathie mit dem Don-Quichotte und seinem tragischen Träumertum aufkommt. Erfasst er denn überhaupt noch, dass auf dem erhöhten Mittelstreifen einer Schnellstraße einherschreitet. Dass an den modernen (Büro-)Türmen hinter ihm kein epik-verheißendes Banner weht?

Dass auch ein Goethe irgendwann mal nicht mehr zu ertragen, regelrecht vergessenswert ist, dieser Eindruck drängt sich bei der Umsetzung von "Gesang der Geister über dem Wasserfall" auf: Die vergreiste Diva Luise Rainer grinst versonnen (oder debil) vor sich hin, reckt bald in hölzern theatralischer Gestik die Hände in den Himmel. Vor dem Hintergrund eines Wasserfalls (wenn das mal nicht nahe liegend ist) will sie beschwören und beschwört... - nichts. Die Bohemien-Eleganz ihres weiten, cremeweißen Schals hat sich offenbar im Übergang zwischen einem sehr viel früheren Jahrzehnt und dem darauf Folgenden verfangen. Die stimmliche Überbetonung des goetheschen Pathos verstärkt zudem (unfreiwillig?) den parodistischen Effekt der ganzen Inszenierung im Film. Mit einem Mal ist man glücklich überzeugt, dass das 21.Jahrhundert eine unverkünstelte Zeit ist. Eine Zeit zumindest, in der "Seele des Menschen, / wie gleichst du dem Wasser! / Schicksal des Menschen, / Wie gleichst du dem Wind!" in seinem rhetorischen Hohlraum verhallt. Und kaum mehr ein Schulterzucken bewirkt.
Die Interpretation von Hans Arps "Sophie" ist emotional leider noch verklebter geraten. Erschreckend: Schmerberg lässt das Gedicht abwechselnd von Hermann van Veen und einer gezierten Kleinmädchenstimme sprechen. Und lässt beide auf die messdienerische "Wann blühen wir wieder vereint an Gottes lichtem Strauch?"-Trantütigkeit hereinfallen. Dazu graugetönte Bilder eines verfallenen Hauses. Ein Mann (van Veen) trottet zum staubgedeckten Klavier. Darauf ein altes Portraitbild (von Sophie vermutlich). So fällt Schmerberg auf die eher eindimensionale Ebene des Musikfernsehens zurück. Der Tod eines geliebten Menschen verkommt zum medialen Tränentheater. Wo zudem "gütige Gesichter" mit einem "strahlenden Stern" verglichen werden, möchte man gern wieder in etwas wie Realität zurückfinden dürfen. Ähnlich verkorkst - diesmal im Versuch Lebensbejahung zu vermitteln - wirkt die Interpretation von Selma Meerbaum-Eisingers "Der Sturm". Das lyrische Bangen um eine Rosenknospe serviert mit Babykitsch-Bildern macht wenig Appetit auf Lyrik. Viel Geflirre um ein inhaltliches Nichts - in Form einer Glühbirne - veranstaltet auch eine Schar (animierter) Falter, gefangen in der an schlimme Schülerzeitungsgedichte erinnernden Symbolik (Licht - Liebesglück - verglühen in der Unendlichkeit) von Isabel Tuengerthals "Der Falter".

Kritik: Von den neunzehn kurzen Filmen, ist mindestens die Hälfte durchaus sehens- wie hörenswert. Einige sind immerhin "interessant". Ein halbes Dutzend der Videos berührt kaum, nicht oder eher unangenehm: aufdringlich statt eindringlich.
Trotz des hohen Niveau-Gefälles ist das Projekt als Ganzes wichtig. Wichtig und in seinem Engagement nicht zuletzt mutig (auch finanziell - das Budget großteils selbst beigesteuert). Dem Zeitgeist - in Erscheinung von VIVA und Co - entgegen, wird der Versuch unternommen, die Bedeutung der Bilder, inflationsgeschwächt und auf Knallbonbon-Effekte reduziert, neu zu beleben. Durch Worte, die Tradition haben bzw. stiften könn(t)en. Und die dabei - so abgedroschen und anachronistisch das klingen mag - gewisse Werte vermitteln (und sei es auch nur die Wertediskussion). Vielleicht der eine Wert, sich immer wieder Gedanken über das Leben zu machen, zu träumen und sich und andere durch die Entschlossenheit zu Neuem zu bereichern.
Dass "Poem - Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug" Gedicht-Hasser, doch noch zum Gang in die nächste Bibliothek oder Buchhandlung bewegt, ist von ihm vermutlich nicht zu erwarten. Was ihm in jedem Fall gelingen kann, ist, dem gemäßigt aufgeschlossenen Betrachter andere Lesarten bekannter Lyrik - vielleicht auch bekannten Lebens - anzubieten. Garantiert frei von elitärem Gehabe.
Benjamin Schreuder

Credits

Original Film-Titel: "

Deutschland 2003

Kinostart / Filmstart: 08.03.2003

Regie: Ralf Schmerberg

Drehbuch: Antonia Keinz

Schauspieler (Besetzung): Carmen Birk, Luise Rainer, Meret Becker, Jürgen Vogel, Anna Böttcher, Herman van Veen, Marcia Haydee Schöberl, David Bennent, Klaus Maria Brandauer, "Smudo" Michael B. Schmidt.
Sprecher (Besetzung): Hannelore Elsner, Claudia Geisler, Elena Schmerberg Davila, Anna Thalbach, Isabel Tuengerthal, Paul Celan, Herbert Fritsch, Richy Müller, Lars Rudolph, Manfred Steffen

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