Kinofilm

I, Tonya

Die Älteren erinnern sich vielleicht noch an den Eislaufstar, der 1994 in die Schlagzeilen geriet, als auf seine Konkurrentin Nancy Kerrigan ein Anschlag verübt wurde. Harding geriet in den Verdacht die Auftraggeberin gewesen zu sein. Ein Gericht verurteilte sie später wegen Behinderung der Ermittlungen. Auch der Film lässt offen, welche Rolle sie letztlich bei dem Überfall spielte und rollt das Leben der Tonya Harding auf.

"I, Tonya" beginnt mit dem Hinweis, dass die Mischung aus Film und Reportage überwiegend auf Interviews beruht. Dann zeigt der Film in Sprüngen das Leben der Eiskunstläuferin von den ersten Schritten auf dem Eis im Alter von knapp vier Jahren bis zur Verurteilung durch das Gericht und der damit einhergehenden lebenslangen Sperre für alle Eiskunstlaufmeisterschaften. Von den nachfolgenden Berufen erzählt der Film nur noch kurz. Dazwischen nimmt er sich viel Zeit, um in Interviews und überwiegend in Spielszenen vom Privatleben und der Karriere zu berichten.

Das ist für Sportfans vielleicht interessant, als Spielfilm jedoch weniger. Tonya Harding wird als ruppige Frau dargestellt, die ihre Herkunft aus der amerikanischen Unterklasse weder leugnen kann noch will. Sie wird regelmäßig von ihrem Ehemann verprügelt und schlägt auch selbst zurück. Ihre Mutter kann niemanden auf der Welt ausstehen und ist der Meinung, Tonya könne dann am besten laufen, wenn sie wütend ist. Also setzt sie alles daran, um ihrer Tochter das Leben möglichst schwer zu machen.
Später wirft sie der Tochter vor, alles in ihrem Leben für ihre Karriere ausgegeben zu haben. Hinterfragt wird die Motivation der Mutter nicht und die aufgezeigten Familienstrukturen bleiben uninteressant. Wie auch die Schilderung der Ehe von Tonya Harding mit Jeff Gillooly. Die Hassliebe der Zwei, die nicht miteinander und nicht ohne einander auskommen, gerät auf die Dauer zur Wiederholung. Wie leider so viele Facetten des Films. Es ist ermüdend den immer gleichen Streits zwischen Mutter und Tochter beziehungsweise den Eheleuten zuzusehen. Verschärfend kommt hinzu, dass die Figuren keinen Tiefgang aufweisen und ihre Rollen kaum ausbauen und variieren.
Einige der wenigen auftretenden Figuren sind belanglos wie etwa die Trainerin Diane Rawlinson, die keine Meinung zu der Geschichte und keinen Charakter hat. Andere nerven wie beispielsweise der minderbemittelte Shawn, der Drahtzieher des Attentats ist. Und auch Allison Janney als Mutter LaVona ist eine Geduldsprobe. Die Schauspielerin variiert ihre Auftritte nur um Nuancen und ist das Klischee der Rabenmutter.

Da der Film bereits in den ersten Einstellungen die Mutter als Monster darstellt, gelingt es der Dramaturgie kaum die Dinge zu steigern. Leider ist es auch so, dass aufgrund der gewählten Interviewtechnik die Distanz zur Hauptdarstellerin groß bleibt. Mich berührt sie jedenfalls nicht und der Film versäumt es etwas herauszuarbeiten, was sie für den Zuschauer sympathisch macht und die restlichen Figuren für den Zuschauer interessant.

Die verwendete Dramaturgie ist Segen und Fluch zugleich. Die Darsteller steigen in den Spielszenen wiederholt aus den Rollen aus und sprechen direkt zum Zuschauer. Trotzdem wird "I, Tonya" nicht zum Spielfilm, sondern bleibt eine Reportage. Damit kann begründet werden, weshalb es keine Tiefzeichnung gibt. Dennoch fehlt mir die Vermittlung von Inhalten und ich vermisse ein Hinterfragen. So übt Tonya Kritik an den Medien und der Menschheit, die stets Menschen brauchen, die sie lieben oder hassen können. Dem stimme ich grundsätzlich zu. Interessant wäre es, wenn Tonya sich selbst nun dazu in Bezug setzen würde. Was leider unterbleibt. Wie auch hinsichtlich der Gewalt. Tonya erkennt nicht, dass sie die Strukturen ihrer Eltern zu übernimmt. Sie sagt, dass sie die Schläge ihres Ehemannes akzeptierte, weil sie es gewohnt war, geschlagen zu werden. Doch dann schlägt sie selbst zurück. Was beide Figuren im Film abstreiten und dann in den Spielsequenzen zeigen. Derart versucht der Film den Figuren gerecht zu werden, indem er ihnen ihre Widersprüche lässt. Gleichzeitig erfährt der Zuschauer nicht, wer die Wahrheit sagt. Die Handschrift der Filmemacher ist plakativ und grob. Der Humor, wenn insofern man über die Witze lachen kann, ist derb. Beides soll vielleicht den Lebensumständen der Hauptdarstellerin gerecht werden.

Fazit
"I, Tonya" walzt die Darstellung weniger Fakten auf die Länge von rund zwei Stunden aus. Durch die Interviewtechnik entwickelt der Film ein eigenes Format mit wenig Tiefgang und ist unreflektiert. Ich habe einen Fehler begangen vor dem Besuch der Pressevorführung über Tonya Harding zu recherchieren. Was bei einer kurzen Recherche ans Tagelicht kam, klang für mich interessant genug, um den Film sehen zu wollen. Danach ist man bekanntlich immer schlauer und ich rate jedem, der den Film sehen möchte, dringend davon ab, vorher etwas über Tonya Harding zu lesen, denn leider ist es so, dass der Kinofilm nicht viel mehr zu erzählen weiß, als das, was im Internet an Berichten zu finden ist. Nähergebracht hat mir der Film die Person Tonya Harding nicht. Was seine Aussage ist, bleibt mir verschlossen.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 60 %

Land: USA
Jahr: 2017
Laufzeit ca.: 120
Genre: Biografie • Drama
Verleih: DCM Film Distribution
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 22.03.2018

Regie: Craig Gillespie
Drehbuch: Steven Rogers

Schauspieler: Margot Robbie (Tonya) • Sebastian Stan (Jeff) • Allison Janney (LaVona) • Julianne Nicholson (Diane Rawlinson) • Paul Walter Hauser (Shawn) • Bobby Cannavale (Martin Maddox) • Bojana Novakovic (Dody Teachman) • Caitlin Carver (Nancy Kerrigan) • Maizie Smith (Tonya als Kind) • Mckenna Grace (Tonya als Heranwachsende) • Suehyla El-Attar (Skater Mom) • Jason Davis (Al)

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