Kinofilm

Call Me by Your Name

Italien ist aufgrund seiner Vergangenheit und deren Liebe zur Kunst ein idealer Ort für romantisches Sehnen. So ergeht es zwei jungen Männern, die im heißen Sommer Italiens umeinander werben.

Den Sommer des Jahres 1981 verbringt der 17-jährige Elio gemeinsam mit seinen Eltern in Italien. Hier leitet der Vater, der als Altertumsforscher tätig ist, eine Ausgrabung. Gewohnt wird in der Villa, die Mutter Annella (Amira Casar) geerbt hat. In der idyllischen Umgebung mit eigenem Garten lässt es sich gut leben. Außer man ist in der Pubertät und die malerische Abgeschiedenheit erscheint wie ein Gefängnis. In der eines Tages die studentische Aushilfe Oliver (Armie Hammer) eintrifft. Anfangs beäugt Elio (Timothée Chalamet) den Neuankömmling argwöhnisch, denn dessen amerikanisches Auftreten widerstrebt ihm und er gibt nur unwillig den Gastgeber. Dabei übersieht er geflissentlich, dass Oliver ihm mehrfach vertraulich die Hand auf die Schulter legt. Mit der Zeit beginnt er den Eindringling mit anderen Augen zu sehen.
Der attraktive Amerikaner ist vielleicht gar nicht so selbstsicher? Er ist schüchtern, meint Elios Mutter. Mehrfach kommt es zu versponnen Gesprächen, die etwas aussagen sollen ohne eine fassbare Aussage zu enthalten. Schließlich ringt Elio Oliver einen Kuss ab. Doch der ist immer noch unsicher. Bis Elio eine Antwort von ihm fordert. Und die fällt überraschend aus.

Kritik

Im Kern ist der Film das Aufzeigen einer ersten großen Liebe, bei der es nur eine untergeordnete Rolle spielt, dass die Liebenden Männer sind. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Ausgestaltung wie etwa der ungewöhnlichen Handschrift. Zunächst sticht die malerische Umgebung des heißen italienischen Sommers ins Auge inklusive dem alten Haus und dem Früchte tragenden Garten. Ins Lokalkolorit sind unaufdringlich landestypische Szenen eingeflochten. Etwa die häufigen Mahlzeiten oder eine knatternde Vespa. Die Stilisierung, die die Stärke des Films ist, geht so weit, dass er wie ein verfilmtes Gedicht anmutet.

Vor der naturalistischen Kulisse spielt die Handlung, die auffällig ungezwungen und zärtlich ausfällt und ihren Fokus auf das Beobachten legt. Es dauert eine geraume Zeit bis die Personen und die Situation eingeführt sind. Danach beginnen die zwei Männer umeinander zu tanzen. Ihre anschließende Liebe ist nur von kurzer Dauer, was der Film schon relativ früh aussagt, wenn es heißt, dass Oliver sechs Wochen anwesend sein wird. Deshalb ist es erstaunlich, dass beide derart viel Zeit verstreichen lassen, bis sie endlich den Mut zur Annäherung finden.

Die Handlung schildert die Probleme der Findung ohne aufzuzeigen, worin die Problematik besteht. Zunächst keimt der Verdacht auf, dass ein Dorf in Italien des Jahres 1981 kein idealer Ort für ein Coming-out ist. Doch dann sind Elios Eltern ausgesprochen liberal und progressiv und befürworten beide die Beziehung. Wobei der Vater mehr dafür spricht als die Mutter. Elios Elternhaus ist es also nicht. Mehr kann ich aus dem Film nicht herauslesen. Auch nicht erkennen, warum Oliver der Mut fehlt, der mit 24 schon etwas gefestigter im Leben steht als der 17-jährige Elio? Hängt es mit dem jüdischen Glauben zusammen? Klare Antworten gibt die Handlung nicht.

Die Dialoge sind der intellektuellen Umgebung angepasst und in der gesehenen englischen Fassung fordernd. Nicht, weil im Film Englisch, Italienisch, Französisch und einige Worte Deutsch gesprochen werden, sondern weil die Inhalte blumig sind und metaphorisch. So will Elio nicht baden gehen, weil er eine Allergie hat. Oliver antwortet, vielleicht dieselbe Allergie zu haben. Später spricht der Vater davon, dass die zwei jungen Männer eine Liebe gefunden haben, die er in seinem Leben nicht fand. Auf diese Weise bleiben die Personen unscharf und es stehen weniger die Menschen im Vordergrund als vielmehr ihr Seelenleben. Was im Zusammenspiel mit der Lauflänge ins Gewicht fällt. Der Film bleibt ein Gedicht vom Sehnen. Transportiert somit die Einschränkungen dieser Kunstform sowie deren Stärken.

Da der Vater beruflich in der Vergangenheit lebt und die Mutter Übersetzerin alter Texte ist, rückt die Handlung in die Nähe von Altertum, Sagen und Tragödien. Das erklärt die epische Lauflänge des Films und auch das Fehlen des glücklichen Endes. Das klassisch gedeutet werden kann oder profan als das Ende, das die meisten ersten Beziehungen ereilt. Da es sich um zwei Männer handelt, stellt sich mir die Frage, ob dem Zuschauer vermittelt werden soll, dass homosexuelle Beziehungen nicht von Dauer sind? In den Zeiten von Ehe für alle wäre das nicht mehr zeitgemäß.

Die Schauspieler arbeiten gut. Amira Casar darf in der Rolle der Mutter leider nur wenige Facetten zeigen, während Michael Stuhlbarg den Bilderbuch-Vater spielt. Im Mittelpunkt stehen klar Timothée Chalamet, der den verkopften Teenager überzeugend spielt, dem es ansteht weniger im Kopf zu leben. Und Armie Hammer, der die vielschichtigste Figur verkörpert. Es erstaunt wie offen und verletzbar er auftritt.

Fazit
Regisseur Luca Guadagnino möchte, dass sein Werk nicht als "hyper-intellektualisiertes Opus wahrgenommen" wird, sondern "dass es wie eine Schachtel Pralinen aussieht." Um den Vergleich aufzugreifen: Ja, es ist eine filmische Praline, die zärtliche Darstellung einer homosexuellen Liebe in wunderschöner Handschrift.
Eine Randbemerkung: Laut Presseheft spielt der Film 1983. In einer kurzen Aufnahme ist ein Bild mit der Zahl 1981 zu sehen und F. R. Davids Hit "Words don't come easy", der im Film zu hören ist, erschien 1981.
Filmkritik: Thomas Maiwald
Wertung: 80 %

Land: USA
Jahr: 2017
Laufzeit ca.: 132
Genre: LGBT • Romantik
Verleih: Sony Pictures
FSK-Freigabe ab: 12 Jahren

Kinostart: 01.03.2018

Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: James Ivory
Literaturvorlage: André Aciman

Schauspieler: Armie Hammer (Oliver) • Timothée Chalamet (Elio) • Michael Stuhlbarg (Mr. Perlman) • Amira Casar (Annella) • Esther Garrel (Marzia) • Victoire Du Bois (Chiara) • Vanda Capriolo (Mafalda) • Antonio Rimoldi (Anchiese) • Elena Bucci (Kunsthistoriker) • Marco Sgrosso (Kunsthistoriker) • André Aciman (Mounir) • Peter Spears (Isaac)

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Seiten (1): [1]

Name Gast-Kommentar
Thomas Maiwald Missverstanden
Hallo Dirk,
danke, für Deinen Kommentar. Ich denke, ich kann mich als homosexueller Mann in andere homosexuelle Männer hineindenken :) = Normaler Smile. Und ja, ein Coming-out ist ein Schritt. Ist bei mir allerdings schon etwas länger her.

In einem Punkt verstehst Du mich falsch. Was das Fehlen des glücklichen Endes betrifft, habe ich mich über den Film geärgert. Ich wünsche mir einen Film, in dem zwei Männer am Ende glücklich sein dürfen.
Thomas

01.03.2018

Dirk Menzel Vorspiel als Prinzip
Ich will jetzt nicht auf die ganze Kritik eingehen, aber ohne Dir zu nahe treten zu wollen, denke ich, dass Du den Film nicht wirklich verstanden hast und dich vielleicht emotional nicht ganz in jemanden hineinversetzen kannst, der homosexuell ist? Dass Du das Zögern der beiden Protagonisten hinterfragst, wo doch scheinbar alles perfekt zu sein scheint und nur so wenig Zeit bleibt, kann ich wiederum überhaupt nicht nachvollziehen. Es ist 1983 und der Junge ist 17 und weiß schließlich gar nichts, außer, dass ihn der ältere Mann fasziniert und reizt (neben seiner anfänglichen Abneigung). Oliver würde niemals den ersten Schritt machen, Elio ist schließlich der Sohn des Gastgebers und viel jünger. Elio hat vorher nur mit Mädchen rumgemacht, da weiß er Bescheid, aber seine Gefühle für einen Mann sind neu und verwirrend, hier herrschen andere Regeln als zwischen einem Mann und einer Frau. Wie seine Eltern tatsächlich reagieren, kann er erst nicht wirklich wissen, bei aller Liberalität und Weltoffenheit, erst später geben sie Ihm ein / zwei kleine Hilfestellungen, weil sie wohl vermuten was ihren Sohn umtreibt, aber auch das nur indirekt. Schamgrenzen werden niemals überschritten. "Is it better to speak or to die?" Ein Zitat aus dem Film. Für einen schwulen (jungen) Mann ist das Aussprechen das schwierigste überhaupt und ist immer mit Scham behaftet. Und mit 17 geht man mit solchen Dingen nicht mehr zu den Eltern. Erotik und Flirten zwischen Männern hat immer etwas mit Blicken und vielleicht mit indirekten Andeutungen zu tun, wenn man sich nicht gerade in einer Schwulenbar aufhält und sich nicht sicher ist, ob der andere auch so empfindet. Und dieser Film ist deshalb auch so schön, weil er das Vorspiel zum Prinzip erhebt. Das ist erotisch und spannend in jeder Minute. Ein paar Sätze haben mich aber doch geärgert: "Das (der antike Bezug ) erklärt ......... das Fehlen des glücklichen Endes"....."Da es sich um zwei Männer handelt, stellt sich mir die Frage, ob dem Zuschauer vermittelt werden soll, dass homosexuelle Beziehungen nicht von Dauer sind?" Das ist glaube ich, zu verkopft. Olivers Aufenthalt dauert sechs Wochen und er lebt in Amerika, da kann es kein Happy End geben, damals nicht und heute auch nicht. Der Regisseur ist schwul, der Drehbuchautor auch. Sowas würde niemals aus ihren Federn kommen.

01.03.2018


 
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