Einen Zauberer nach seinen Zaubertricks zu fragen ist so unangebracht wie einem Geschichtenerzähler (einem "Big Fish") den Wahrheitsgehalt seiner Erzählungen entlocken zu wollen. Als Will dies erkennt, kann er seinen Vater endlich als Vater annehmen.
Mit der Kindheit ist Will Bloom aus den Geschichten seines Vaters herausgewachsen. Mehr noch: sie sind ihm leid geworden. Als der Vater Wills Hochzeit zu seiner eigenen Personalityshow ummodelt, kommt es zum dreijährigen Bruch. Erst am Sterbebett des Seniors treffen die Männer wieder zusammen. Der alte Mann, der sein Leben als Geschichten-Erzähler lebte, wird stilecht sterben, denn er hält eisern an der fantastischen Version seines Lebens fest. Nun ist es an Will, dem Zuschauer die fantastische Geschichte zu erzählen.
Das wahre Leben von Edward Bloom erfährt der Zuschauer nicht. Es ist anzunehmen, dass er das harte Leben eines Vertreters lebte, der von seiner Familie öfter getrennt war, als mit ihr vereint. Doch in seinen Erinnerungen hat er ein Leben wie aus dem Sagen-Buch gelebt. Ein Körnchen Wahrheit genügt, um daraus Mythen zu spinnen. In Kindertagen ist es eine Hexe, die am Stadtrand wohnt. "Jede größere Stadt hat eine." Dann tritt ein Riese auf. "Er wollte das Dorf nicht terrorisieren und Schafe stehlen - er hatte nur Hunger." Der Riese wird zur Zirkusattraktion in einem Zirkus, dessen Direktor ein Werwolf ist. Diesen Werwolf wiederum zähmt Edward Bloom. Analog dazu gerät selbst der Kauf eines Grundstücks zur Rettung eines verwunschenen Dorfes.
Am Sterbebett wirft der Sohn dem Vater im Film vor, er sei wie ein Eisberg. Jeder erlebe immer nur 10 Prozent von ihm; der Rest, die wahre Persönlichkeit, sei verborgen. Das spiegelt auch der Name des Films, denn "Big Fish" meint den Fisch, dem der lokale Teich zu klein wird, um darin leben zu können ebenso wie den glitschigen, nichtfassbaren Fisch.
Will lernt vom Arzt der Familie, dass die ausgeschmückte Variante oft die schönere Erinnerung ist. Der Mediziner greift zu einem einfachen Trick. Er schildert Will die wahren Umstände seiner Geburt. Danach soll Will entscheiden, ob ihm die Wahrheit lieber ist als die Lügengeschichte des Vaters. Selbstverständlich werden dabei Äpfel mit Birnen verglichen. Doch das ist symptomatisch für den Film "Big Fish". In den poetischen Bildern liegt zunächst etwas Beeindruckendes. Ein blühendes, gelbes Narzissenfeld, ein bunt beleuchteter Rummelplatz bei Nacht, ein Angler in einem nebligen Flusslauf. Beim zweiten Hinsehen, ist das meiste im Kino-Film nur schöner Schein. Selbst die Worte um die Liebe werden zu Schall und Rauch. Die Lebendigkeit des Seniors schafft scheinbare Nähe, doch die wahre Persönlichkeit wird nicht einmal angekratzt. Wenngleich er immer wieder die unendliche Liebe zu seiner Frau beschwört, bleibt sie im Moment des Sterbens außen vor. Sie ist zu Hause, der Sohn verhilft seinem Vater zum Wunschtod. Ginge es wirklich um die Liebe, hätte die Ehefrau am Krankenbett ihres Mannes sitzen müssen (das sie nur schweren Herzens verließ). Das Film-Drehbuch aber gibt stets dem größeren Effekt Vorrang.
Die Leistungen der Darsteller überzeugen nur zum Teil. Ewan McGregor als Billy verkörpert den Schalk des 18-jährigen Edward Bloom gut. Sobald die Figur im Film altert, wirkt er sehr farblos. Ebenfalls sehr blass ist Billy Crudup als erwachsener Sohn. Überzeugend agieren die alten Darsteller. Albert Finney spielt den reifen Edward Bloom sehr glaubwürdig und von Jessica Lange hätte man gerne mehr gesehen als die verhältnismäßig klein angelegte Rolle der dankbaren Ehefrau und Mutter. Um es im Tenor des Filmes "Big Fish" zu sagen: Bei Licht betrachtet nicht mehr als ein strahlend blauer Sommertag mit einem Himmel voller Seifenblasen.
Thomas Maiwald
Credits
Original Film-Titel: "
USA 2003
Laufzeit ca. 118 Min.
Kinostart / Filmstart: 08.04.2004
Regie: Tim Burton
Drehbuch: John August
Romanvorlage: Daniel Wallace
Schauspieler (Besetzung): Ewan McGregor (junger Edward Bloom), Albert Finney (alter Edward Bloom), Billy Crudup (Will Bloom), Jessica Lange (Sandra Bloom), Helena Bonham Carter (Jenny, alt / die Hexe), Alison Lohman (junge Sandra Bloom), Robert Guillaume (Dr. Bennett), Marion Cotillard (Josephine), Matthew McGrory (Karl der Riese), Steve Buscemi (Norther Winslow), Danny DeVito (Amos Calloway), Ada Tai (Ping), Arlene Tai (Jing)